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Die Rosen am Jenissej
 

 
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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Ostpreußische Zivilgefangene in einem sibirischen Dorf während des Ersten Weltkrieges:
oberste Reihe von rechts: Elisabeth Sczuka, Cousine Hedwig Sawitzky, Johann Sczuka,
mittlere Reihe von links: 2. Hildegard Sczuka, 3. Marie Ebner ("das Fräulein")

Die Rosen am Jenissej
Zwei ostpreußische Kinder in russischer Kriegsgefangenschaft (1914 bis 1920)

Und die schönste Zeit, der Frühling, brach innerhalb von 24 Stunden herein, die Steppe füllte sich mit Küchenschellen. Ein Fest für die Augen! Hildegard Sczuka schwärmt, ihre Schwester Elisabeth fällt ihr ins Wort: Die Rosen, ach Gott, die Rosen am Jenissej, rosane Rosen, das war das schönste. Die Rede ist von Sibirien, vom Mai 1915.

Den zwei alten Damen - die eine hat die Neunzig schon überschritten, die andere steht kurz davor - wird schwindlig vom Erzählen. Ist es die selten große Ferne der Vergangenheit, von der sie sprechen?

Oder die Außergewöhnlichkeit der historischen Erfahrung? Waren wir die Mädchen, die das erlebt haben? fragen sie sich immer wieder.

Sechs Jahre ihrer Kindheit haben Elisabeth und Hildegard Sczuka in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht, zusammen mit ihrem Vater Johann Sczuka. Im Spätsommer 1914 wurde die Familie von Soldaten des Zaren in ihrem Heimatdorf Popowen festgenommen - drei von insgesamt 13 600 ostpreußischen Zivilisten, die aus dem Kampfgebiet verschleppt wurden ins ferne Sibirien. Die beiden Mädchen haben über ihre Erlebnisse Tagebuch geschrieben.

Tiefer Friede lag über Deutschland. Da kam wie der Blitz aus heiterem Himmel der Krieg. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht.

"Es ist Krieg!" Die Russen zogen sengend und brennend in Ostpreußen ein. Viele greuliche Untaten wurden verübt. Am Abend boten die brennenden Häuser einen schrecklichen, schauerlichen Anblick dar.

Unser Schulhaus war immer in großer Gefahr, angesteckt zu werden.

Als die Nachricht verbreitet wurde, daß hier eine Schlacht stattfinden wollte, da packten wir unsere Sachen und flohen.

Diese Zeilen schrieb Hildegard Sczuka später in Sibirien auf.

Damals, in jenem Sommer, war sie erst sechs und mit dem ABC noch nicht vertraut. Hunderttausende von Ostpreußen verließen in den ersten Augusttagen ihre Städte und Dörfer und flohen ins Innere des Reiches. Auch von Popowen, dem Dorf nahe der Grenze zu Russisch- Polen, brachen Trecks auf. Doch viele Flüchtlinge kehrten bald um, weil die Straßen verstopft waren, und zu Hause fühlten sie sich sicherer. Von der Kriegslage wußte man nichts Genaues. Man sah Rauchwolken, hörte Kanonendonner und das Gebrüll herumirrender Kühe. Es ging das Gerücht, die Russen hätten in der Kreisstadt Lyck eine Besatzung errichtet und der Zivilbevölkerung ihren Schutz angeboten.

Viel ist den Popowern im August nicht geschehen. Ein Mann wurde - eher zufällig - erschossen. Vereinzelt durchsuchten Russen die Häuser nach Eßbarem. Aber als nach der Schlacht bei Tannenberg die russischen Truppen zurückfluteten, war deren militärische Disziplin dahin. Sie plünderten und brandschatzten aus Mutwillen.

Todesgefahr umschwebte uns täglich. Oft ängstigten wir uns ohne Ursache. So hatten zum Beispiel die Kinder der Frau Kordas Holzpantoffeln mit Eisennägeln an den Sohlen. Wenn sie über die Straße liefen, dann verursachten sie ein Klappern, das dem Hufschlag der Pferde glich. Wir befürchteten dann immer, daß Kosaken unser Haus umschwärmten.

Klipp, klapp, klipp, klapp. Sind das russische Reiter? Doch zum Glück waren es nur die Kinder unseres Nachbarn.

Hildegard und Elisabeth waren die Töchter des Dorfschulmeisters.

In der Schule, unter der Obhut ihres Vaters, hatten die verängstigten Zivilisten Zuflucht gefunden. Um seine Leute vor Übergriffen zu bewahren, wendete sich Johann Sczuka an den russischen Oberkommandierenden und bat um Schutz. War er allzu treuherzig? Am 15. September wurde die ganze Gruppe, insgesamt 32 Zivilisten, aus Popowen "sicherheitshalber" nach Rußland evakuiert. Man werde für sie sorgen, versicherte väterlich der russische Offizier.

Vierzig Menschen fuhren in einem Viehwaggon mit unbekanntem Ziel gen Osten bis Tschelabinsk und weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn über Kurgan, Petropawlowsk, durch die Barabinsker Steppe und so fort. Um seinen Töchtern die Zeit zu vertreiben, erzählte Johann Sczuka, was er aus der Erdkunde so alles wußte: über die weißrussischen Sümpfe und die fischreiche Wolga, über die Tundra und die Taiga und den Ural, hinter dem Asien beginnt.

Bot die Gegend keine Abwechslung dar, dann beschäftigten wir uns mit dem Stricken, natürlich verfertigten wir nicht ordentliche Strümpfe, sondern kleine Läppchen. Ein Knäulchen Wolle fanden wir zufällig unter den Sachen, die aus Deutschland mitgenommen waren. Wir beschäftigten uns, so gut es ging. In meiner kleinen Tasche fanden wir einen Briefbogen Papier. Zwei Bleistiftstümpfchen fanden wir auch. Wir begannen, Notizen zu machen.

Die damals zehnjährige Elisabeth notierte das Auftauchen der ersten Laus im Waggon und wie sie zum ersten Mal ein Kamel erblickte.

Hinter Omsk wurde es Winter. Elisabeth fieberte und erbrach sich tagelang. "Seekrankheit" diagnostizierte die junge russische Ärztin.

Am 5. Oktober erreichte der Zug Krasnojarsk. Dort wurden die Erschöpften ausgeladen.

Wir fuhren durch die Stadt. Die Straßen waren hell erleuchtet und ganz voller Menschen, die die Gefangenen sehen wollten. Da war uns nicht froh zumute. Aber als uns ein Frauchen ins Gesicht leuchtete und sprach: "Eta lui kak mi!", das heißt: "Das sind ja Menschen wie wir!", mußten wir doch lachen. Unter der großen Menschenmenge befanden sich auch Mitleidige. Ein Herr drängte sich an unseren Wagen heran. Er gab uns einen Apfel, damit wir ihn unter uns teilen.

Ein Apfel in Sibirien - ein gutes Omen? Elisabeth Sczuka beschrieb den nächtlichen Weg vom Bahnhof ins Kriegsgefangenenlager mit Worten der Erleichterung, beinahe hochgestimmt: Da hatten wir auch Muße, den Himmel zu betrachten. Die Sternlein schienen so mild hernieder und erinnerten uns an den, der ihre Zahl zählt, daß ihm auch nicht eines fehlet, und auch uns nicht zuschanden werden läßt.

Das Lager, das sie erwartete, war eine leerstehende Garnison, eine moderne Kaserne aus Ziegeln, am Steilufer des Jenissej. In der Abteilung für Offiziere erhielt die Familie zwei Zimmerchen und eine Küche mit einem Ofen. Zum Haushalt gehörten fünf Personen: Johann Sczuka und seine Töchter, deren ältere Cousine Hedwig und Marie Ebner, die vertraute Haushälterin aus Popowen, genannt "das Fräulein".

Im "Gorodok", im "Städtchen", wie man das Lager nannte, lebten anfangs etwa 2000 Menschen. Die meisten waren gefangene Soldaten - Österreicher, Ungarn, Deutsche, Türken und Bulgaren. Einige haben später vom Alltag dieser multinationalen Männergesellschaft berichtet, zum Beispiel der österreichische Fähnrich Heimito von Doderer. Zeugnisse von gefangenen Zivilisten sind äußerst selten, von Kindern bisher nicht bekannt.

Die Berichte der beiden ostpreußischen Mädchen beginnen mit der Beschreibung des sibirischen Winters. Im Dezember 1914 fiel das Thermometer auf minus 45 Grad.

Während des Winters war uns die Zeit manchmal recht lang, da wir keine Beschäftigung hatten. Bücher waren nicht vorhanden, und so begannen wir Tagebuch zu schreiben.

Hildegard und Elisabeth zeichneten auf, was sie sahen und hörten.

Sie taten dies nicht aus eigenem Antrieb. Der Vater hielt sie dazu an, die tägliche Niederschrift war Teil des Unterrichts, den er für seine Töchter hielt. Er korrigierte die selbstverfertigten Texte, Grammatik, Orthographie, Ausdruck et cetera.

In der letzten Zeit froren wir an Händen und Füßen sehr. Dagegen sind wir jetzt einigermaßen geschützt. Wir ziehen noch Vaters Strümpfe über die selbstgemachten Stoffschuhe und darüber Vaters Filzschuhe. Letztere sind uns wohl zu groß, aber sie halten warm.

Elisabeth, die Ältere, beobachtete und notierte sehr genau: das Wetter, den Tagesablauf vom morgendlichen Tee bis zur abendlichen Wanzenjagd, die magere Kost, besondere Vorkommnisse. Zum Beispiel wurde der Vater in seinem Mittagsschläfchen gestört, weil ein paar Offiziere lautstark den Fall von Warschau bejubelten. Beim Essenholen kam ihr zu Ohren, daß einige Gefangene, als Bärenjäger verkleidet, zur chinesischen Grenze geflohen waren. Während der großen Typhuswelle führte sie Statistik über die Zahl der Toten, von Januar bis Mai 1915.

Langsam ließ die strenge Winterkälte nach. Die Sonne stieg immer höher am Himmelszelt empor, allmählich schmolz der Schnee, und es wurde etwas schmutzig. Es war eine besondere Freude, spazierenzugehen.

Bald hörten wir die ersten Lerchen, und die Schwalben wurden sichtbar.

Der Frühling brachte für die Familie Sczuka mancherlei Überraschungen.

Um Ostern herum kam zum ersten Mal Post von Verwandten aus Ostpreußen.

Von der Kreissparkasse Lyck erhielt der Vater durch Vermittlung einer schwedischen Bank einen Teil seines Lehrergehaltes überwiesen.

Und mit der Wärme, endlich, konnten die Kinder die Ufer des Jenissej erobern. Küchenschellen und Heckenrosen, die Vogelkolonien, der Strom und seine Gesichter - ein Frühling, unvergeßlich.

In Sibirien bieten sich uns viele Erscheinungen dar. So sehen wir jeden Morgen aus dem Jenissej große weiße Wolken aufsteigen, die sich später grau färben. Sie bestehen aus lauter kleinen Luftbläschen.

Es kommt daher: Der Jenissej kommt aus dem Süden, und zwar aus China. Das Wasser ist erwärmt und kommt in ein kälteres Klima.

Da steigt, wie aus einem Kochtopf mit siedendem Wasser, Dampf auf. Dieser vereinigt sich in der Luft zu Wolken. Sie bilden manchmal eigenartige Gestalten. Oft gleichen sie zerzausten Judenbärten.

Manchmal Schlössern, die in der Luft auf grauen Pfeilern getragen werden.

Vater Sczuka nutzte jede Situation zur pädagogischen Unterweisung.

Wenn in der nahen Taiga die Wälder brannten und der Rauch die Sonne verfinsterte oder eine Windhose am Horizont erschien, hatte er das physikalische Gesetz parat. Wurden im Lager Zieselmäuse gesichtet, war Biologieunterricht angesagt. Die lästigen Stechmücken wurden erträglicher, wenn man ihre Gewohnheiten analysierte. Empirie, Theorie und Praxis - der Stundenplan war umfangreich.

In Sibirien wird mancher Mensch zum Robinson und lernt manches Handwerk ohne Lehrmeister. So machte sich Vater eine Mütze. Er nähte den ganzen Nachmittag . . . Bald war sie fertig. Wir freuten uns sehr, sie auf dem Kopf des Anfertigers zu sehen.

Daß der Vater eine neue Mütze brauchte, weil er so schrecklich dünn geworden war, fiel den Töchtern damals nicht auf. Ihnen war die Not nicht bewußt. Sie fühlten sich geborgen in des Vaters liebevoller Strenge. Schon in Popowen, seit dem frühen Tode der Mutter, waren die drei innig miteinander verbunden. Mit der Cousine Hedwig und dem "Fräulein" lebten sie harmonisch als kleine Familie.

So etwas war selten im Lager. Viele der etwa hundert Kinder verwilderten, entglitten den überforderten und verzweifelten Müttern.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich im Gorodok ein reges Kulturleben.

Die Gefangenen bauten Sportplätze und legten kleine Gärten an.

In der Gartenbaukunst wetteiferten die Nationen miteinander. . . .

Die Ungarn wollen sogar eine Kegelbahn bauen, berichtet Elisabeth.

Keine Woche verging ohne einen Wettkampf oder ein Konzert mit selbstgebauten Instrumenten. Auf Betreiben von Johann Sczuka entstand eine Schule für die Kinder und eine Art Akademie. Jeden Abend wurde politisiert.

In dem Unteroffizierszimmer wird jeden Abend zwischen 9 und 10 Uhr die Übersetzung einer Zeitung namens Sibirjak vorgelesen.

Da uns nur eine dünne verputzte Bretterwand von ihnen trennt, können wir das Vorgelesene verstehen, manchmal auch nicht.

Der Kriegsschauplatz war weit entfernt, aber man war relativ gut informiert. Die Tagebücher der Kinder halten den Fortgang des Ersten Weltkrieges erstaunlich genau fest - und mit großer Verwunderung über das Geschehen an der Westfront.

In diesem Kriege besonders werden viele Mittel erfunden. So wird auch ein Gas zum Schießen benutzt. Es wiegt ohne Geschoß 1772 Ctr. . . . Dieses erscheint fast unglaubwürdig.

Flandern und Verdun, der monatelange Stellungskrieg, der erste Einsatz von Chlorgas in Ypern, deutsche Zeppeline über London, englische Tanks an der Atlantikküste - solche Neuigkeiten klangen im fernen Osten phantastisch.

Inzwischen war das Lager von 20 000 Menschen bevölkert. Trotz der Hilfe des Roten Kreuzes wurde die Ernährungslage immer prekärer.

Im Sommer 1916 wurden etwa 500 ostpreußische Zivilisten mit dem Dampfer jenissejaufwärts gefahren und in verschiedenen Dörfern untergebracht. Die Deutschen mußten sich dort selber durchschlagen, als Verbannte unter Verbannten, so wie es in Sibirien üblich war.

In Nachwolskoje fühlten sich die Sczukas freier und bald auch sicher. Unter Anleitung ihres Vaters studierten die Mädchen die russische ländliche Gesellschaft.

Kehrt man in ein sibirisches Bauernhaus ein, so gewinnt man schon beim Eintritt in dasselbe einen guten Eindruck. . . . Die Türen sind niedrig. Sie erziehen die Bewohner zur Demut. Wer den Kopf gar zu hoch trägt, stößt ihn so lange, bis er an das Kopfbeugen gewöhnt ist.

Elisabeths kindliche Abhandlung über das Bauernhaus ist zwölf Seiten lang. Es folgen längere Traktate über die Haus- und Nutztiere, das Getreidewachstum, Kleidung und Nahrung des Sibiriers, Sangeslust und Feste, die Rolle des Popen und der Schule. Es sind sehr genaue ethnographische Studien, voller Respekt vor der fremden Kultur.

Auf der Straße hatten Hildegard und Elisabeth so viel Russisch aufgeschnappt, daß sie sich gut verständigen konnten.

Abgesehen von kleinen Belästigungen auf den Spaziergängen und der Hausdurchsuchung durch betrunkene Soldaten, lebten wir in leidlicher Ruhe und fürchteten uns vor den Russen nicht viel.

Jetzt aber ziehen wir uns vor ihnen zurück. Die Veranlassung zu diesen Vorsichtsmaßregeln gab uns ein schrecklicher Fall, der sich im Nachbardorf Jelofka ereignete. Dort sind nämlich sieben brave deutsche Zivilgefangene von den Russen schändlich ermordet worden. Ihre Leichen lagen zum Teil in Blutlachen auf der Erde, zum Teil auf Betten und im Keller.

Es war ein Raubmord mit sozialem Hintergrund. Die sieben Deutschen waren Handwerker, die aufgrund ihrer besonderen Qualifikation im Dorf gut verdient und den Neid der Russen erregt hatten.

Der rote Oktober warf seine Schatten voraus. Das Massaker war offenbar Teil des vorrevolutionären Bebens. Die Unruhe erreichte auch Nachwolskoje. Im Winter 1917 wurden in der Schule die Zarenbilder abgehängt. Im Frühjahr 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest- Litowsk im Dorf publik. Im Mai ließ die schwedische Mission die Gefangenen wissen, sie möchten sich am Bahnhof von Krasnojarsk einfinden. "Parole: Heimat" schrieb Johann Sczuka an den Waggon.

Sibirien, adé, sangen die Töchter, hab Dank für Deine Gastlichkeit, uns naht nun eine bessere Zeit.

Der Zug konnte noch ungehindert die sechsbogige Brücke des Ob überqueren, dann waren sie mitten im Bürgerkrieg. Entlang der Transsibirischen Eisenbahn tobte der Kampf zwischen Roten und Weißen. Die Kriegsgefangenen und Flüchtlinge gerieten zwischen die Fronten. Niemand kümmerte sich um die Zivilisten. Mal wurde der Zug auf ein totes Gleis geschoben, mal wurden die Wehrlosen ausgeplündert. Ein Zigeunerleben, kommentierten Hildegard und Elisabeth Sczuka. Nur selten hatten sie in dem allgemeinen Chaos Gelegenheit, ihre Hefte auszupacken.

Hunger und Verzweiflung erzeugten Halluzinationen. Alles erschien immer unwirklicher - die Kamelkarawanen am Horizont, die vorbeijagenden Reiterarmeen, die Toten und Verwundeten, die an den Gleisen liegengelassen wurden und verwesten. Die letzte Station, von der die Tagebücher berichten, ist Petropawlowsk. Dann brechen die Aufzeichnungen ab. Bis 1920 dauerte die Odyssee. Sie endete in St. Petersburg, wo die Familie vor ihrer Einschiffung nach Elbing einige Wochen in der zerstörten deutschen Botschaft hauste. Erleichtert genoß sie die Schönheit der revolutionszerzausten Stadt.

Im Sommer 1920, an einem Abend, war die Familie Sczuka wieder in Popowen. Die Ausgehungerten konnten kaum essen vor lauter Rührung.

Die Mädchen gewöhnten sich schnell wieder ein. Hildegard, die nun dreizehn war, und Elisabeth, die Sechzehnjährige, holten ihren körperlichen Entwicklungsrückstand rasch auf. Sie lebten intensiv in der Gegenwart. Ihren Vater, Johann Sczuka, hielt die Vergangenheit noch lange gefangen. Bald nach seiner Rückkehr wurde er denunziert, er habe mit dem Feind zusammengearbeitet und die Gefangennahme der 32 Zivilisten verschuldet. Das Disziplinarverfahren ging zu seinen Gunsten aus, aber der Ruf des Verräters begleitete ihn auch weiterhin.

Von den 13 600 Zivilpersonen, die nach Rußland deportiert worden waren, sollen 8274 wieder heimgekehrt sein. Das errechnete eine Expertenkommission, die im Auftrag der Provinzialregierung die Vorfälle untersuchte. In der Studie wird betont, daß die Leiden der Internierten nicht auf den bösen Willen oder mangelndes Rechtsempfinden des Feindes zurückzuführen gewesen seien, sondern auf die allgemeine Not in Rußland.

Johann Sczuka teilte diese Meinung. In den dreißiger Jahren, als Rentner, hat er einen Rechtfertigungsbericht geschrieben, unter Zuhilfenahme der Tagebücher seiner Töchter. Diese waren längst erwachsen. Elisabeth arbeitete als Sozialfürsorgerin in Tilsit, Hildegard studierte Medizin in Königsberg. Nur eine kurze Zeit noch, und der Zweite Weltkrieg begann. An seinem Ende wurde die Familie von der Roten Armee aus der Heimat vertrieben. Das Grauen, das sie erlebten, stellte alles Bisherige in den Schatten. Dagegen erschien die sibirische Gefangenschaft fast human.

Sibirien war mit dem Jahre 1945 allerfernste Vergangenheit. Hildegard und Elisabeth Sczuka lebten im Westen Deutschlands, die eine als Hautärztin, die andere als Fürsorgerin, die eine verheiratet, die andere nicht, kinderlos beide, und sie waren mit ihrem Leben zufrieden. Mit dem Vater standen sie bis zu seinem Tod 1954 in enger Verbindung. Dem "Fräulein", das in der DDR lebte, schickten sie regelmäßig Pakete. Auch Cousine Hedwig war immer noch Teil ihrer unsichtbaren Gemeinschaft.

Als Elisabeth, die ältere der Schwestern, vor fünf Jahren ins Altersheim umzog, fand sie die sibirischen Hefte wieder und vermachte sie einer lieben Kollegin. Diese erkannte die Einzigartigkeit des Dokuments. Sie fing an zu fragen und las den alten Damen, die fast erblindet sind, aus den Tagebüchern vor. Zum ersten Mal seit beinahe siebzig Jahren sprachen Hildegard und Elisabeth Sczuka über Sibirien. Sie waren sehr bewegt.

O Gott, das ist wie ein anderes Leben! sagt Hildegard Sczuka.

In den Tagebüchern, das wußte ich gar nicht, ich blättere, da finde ich verblaßte Blütenblätter, gepreßte Küchenschellen! Ich denk', die werden jetzt bald zerfallen von selbst. Die haben die ganze Zeit überlebt, weil kein Mensch drin geblättert und sie belästigt hat. Die haben einen Dornröschenschlaf gehalten.

Quellen:
Bild: Privatarchiv Sczuka, Hannover;
veröffentlich in: DIE ZEIT Nr. 40, "Die Rosen am Jenissej", 27.09.1996, Seite 98;

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weitere Informationen:
Stahlgewitter - Das Archiv zum ersten Weltkrieg, (www.stahlgewitter.com/);
Ostpreußen unter russischer Herrschaft,
"Frankfurter Zeitung", 26. Oktober 1914

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Stand: 21. Januar 2017