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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Festschrift zur Feier des 500jährigen Bestehens
von Bialla Ostpr.  1428 - 1928

 
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Die Geschichte der Stadt Bialla
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Die Entstehung des Ortes
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Name und Vorgeschichte

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Das Dorf auf der Gaylan

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Wirtschaftliche, insbesondere Krug-Verhältnisse in Bialla

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Der Tataren-Einfall und die Pest im Marktflecken Bialla 

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Die Stadt Bialla

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Bialla von 1800 bis zur Jahrhundertwende

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Die Entstehung des Ortes.

  

I. Kapitel

Name und Vorgeschichte.

Im Dunkel lange vergangener Jahrhunderte liegt nicht nur der Ursprung, sondern auch die Entstehung des Namens der jetzigen Stadt Bialla. Wohl ist anzunehmen, daß hier lm Gebiete der heutigen Stadt schon in vorgeschichtlicher Zeit heidnische Siedlungen sich befanden. Aber es erscheint beinahe sicher, daß nicht gerade an derselben Stelle, auf der heute die Stadt sich ausbreitet, die ersten menschlichen Hütten standen. Hier ist vor Jahrtausenden Seegrund gewesen, dann dehnte sich unwegsamer Sumpf und die ersten menschlichen Ansiedler werden westlich und südlich der heutigen Stadtgrenze zu suchen gewesen sein.

Da lesen wir in der im Jahre 1800 angelegten Stadtchronik von Bialla, daß auf einer zwischen späterhin städtischem Felde und dem Dorfe Skodden gelegenen Anhöhe sich in grauer Vorzeit eine Preußenburg befunden habe. Sie wird sogar als eine der ältesten Burgen der heidnischen Pruzzen bezeichnet, wenn auch nicht von dem »zur Sammlung historischer Merkwürdigkeiten« staatlicherseits laut Marschroute vom 21. Juni 1827 beauftragten Lieutenant Guise gesagt wird, woraus er diesen Superlativ herleitet. Da aber ferner auch von alten Historikern verschiedentlich das Vorhandensein eines altpreußischen Burgwalles an der erwähnten Stelle im »Stargener Bruche« - man hört heute im Volksmund für ihn nur die Bezeichnung »Stegnen« - genannt wird, so ist grundsätzlich an dieser Nachricht nicht zu zweifeln. Nachgrabungen sollen auch an der in Frage kommenden Stelle Schädel, alte Waffen usw. zutage gefördert haben. Die westliche, höhere Front der Kuppe dieses »Burghügels« ist teilweise aufgeschüttet gewesen, der östliche Teil »vom Berge aufgeworfen«. Die vielen Feldsteine, die dort oben zu finden sind, sollen nach den Angaben des Stadtchronisten aus der Brustwehr der Burg stammen. Kaum anzunehmen ist aber, daß sie auch »von Gebäuden herrühren, die oben im Innern standen«. Dagegen spricht die ganze Art, in der die Pruzzen ihre Ringwälle anzulegen pflegten. -- Es wird weiter gemeldet, daß »nach den vorhandenen Urkunden« - die wir heute leider nicht mehr kennen - die Burg von drei Seiten von Wasser oder Bruch umgeben gewesen ist Die Hauptfront soll von der Seite der westlich angrenzenden Hügelkette, der Eingang zur Burg von Süden her gewesen sein. Der Chronist sagt weiterhin, daß dieser »Hügel noch heute die Form eines Grabes hat und von jeher Zboyca gorka (Räuberberg) genannt wird«, Diese von altersher gebrauchte Benennung soll einige Einwohner verlockt haben, dort nach Schätzen zu graben. Man grub jedoch nicht tief, fand nur Holzkohlen- und Knochenreste nebst wenigen Ueberbleibseln alter Waffen und ließ die weiteren Nachforschungen unerledigt. Nun soll nach der Meinung des Chronisten als Beglaubigung dieser >geschichtlichen Nachricht< noch die >zuverlässige Sage< dienen >daß vor uralten Zeiten die ganze Gegend jenes Hügels, über das jetzt sogenannte weite Feld lauter Wald war, wovon sich noch jetzt Spuren zeigen und in welchen sich die verfolgten heidnischen Preußen zurückzogen<. --

So weit die unverbürgte Nachricht von 1827 der Bialler Stadtchronik, die mit gewisser Zurückhaltung aufzunehmen ist. -- Da aber auch, wie schon erwähnt wurde, bei älteren Schriftstellern auf eine alte Heidenburg südlich des heutigen Bialla hingewiesen wird, darum scheint es doch einigermaßen sicher, daß hier eine heidnische Zufluchtsstätte sich einst befunden haben muß. Zwar ist der >Räuberberg< heute nicht mehr bekannt, aber das Dorf Skodden, das heute an seinem Fuße liegt, deutet in seiner deutschen Übersetzung >Schaden< -- >Schadendorf< -- doch scheinbar darauf hin, daß die Bewohner dieser Gegend in dem Rufe standen, Räubereien oder sonstige Schlechtigkeiten verübt zu haben.   

Inwieweit Bialla dieser sagenhaften Pruzzenburg seinen Namen verdankt, sei dahingestellt. Der erwähnte Stadtchronist behauptet zwar, daß diese Burg >ums Jahr 1215-1220 vor der Ankunft des Deutschen Ritterordens den heidnischen Namen Pil, auf deutsch Burg< gehabt hätte, wovon dieser Art durch die Ableitung Pil, Pial, Pialla, Bialla die Stadt ihren heutigen Namen erhalten habe. Wenn auch diese Ableitung bestritten worden ist, es ist hier jedenfalls festzustellen, daß die altpreußische Bezeichnung »pil« (Burghügel) eine gewisse Möglichkeit zu dieser Kombination bietet.

Sicherlich entbehrt aber die andere Deutungsart, die auch als die gültigere Aufnahme gefunden hat, ebenfalls nicht der Wahrscheinlichkeit. - Von dem gelblich schimmernden Sande und den Heidepflanzen der Umgegend kann man der ersten Siedlung an der heutigen Stelle den Namen »Gehl« oder »Geele« (d. h. gelblich=weiß gegeben haben. 1481 nennt man sie Gaila, 1513 Gala, auch Biechlem und 1595 hören wir sie Pial nennen. In der Mitte des 17. Jahrhunderts hieß der Ort neben Gehlen auch Bial. - Mit Bestimmtheit ist jedenfalls feststellbar, daß der Ort den Namen »Strupperg«, der ihm bei der Erteilung seiner Handfeste vom Aussteller in sui ipsius memoriam zugedacht war, niemals geführt hat, vielmehr hat das Volk die ihm geläufigere Bezeichnung Gayla --  mit deutscher Endung Geylen, Gehlen etc. -- stets gebraucht. Wird doch bei Ausstellung der Handfeste und auch noch 1495 der Ort von den Ordensrittern selbst >Gayle< genannt, wie es eine Verschreibung für Vincenz Heyne, den >houemeister (Kämmerer) zur Geyle< beweist. Das ganze 16. bis in das 17. Jahrhundert hinein ist die Bezeichnung Gayle, Geylen, Gelau, Gehele, Gehlen, Gehel etc. die vorherrschende. Erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts greift der Name Pial und Bial allgemein Platz. Seit wann dieser überhaupt aufgekommen ist und neben dem Gehlen im »Gebrauch« gewesen, läßt sich nicht feststellen. Sein erstes schriftliches Erscheinen fällt in das Jahr 1579, wo der Kirche zu »Biahlen oder Gehlenn« Erwähnung geschieht, wahrend noch 1541 die Kirche »zur Gelle« genannt wird. - Vielleicht haben beide Ableitungen in heute nicht mehr nachzurüfender Verquickung zu dem jetzigen Stadtnamen geführt.

Daß sich aber hier die »Wildnis« dehnte, der wilde, undurchdringliche Wald, der den natürlichen Schutzwall des Ordens gegen die räuberischen Nachbarn bildete, das ist gewiß. Sumpfige Strecken unterbrachen den Wald und an ihren Rändern wird zuerst der Kolonist die Axt geschwungen haben, der Wildnis fruchtbares Land abgewinnend. Müssen diese ersten Siedler nun Deutsche gewesen sein? - Das ist nur teilweise richtig und es ist sogar anzunehmen, daß hier wie auch an anderen Stellen den Grund zum Orte Masauer, d. h. Untertanen des benachbarten Masoviens, legten. Der Orden konnte hier in Gallindien noch nicht einmal nach der Gründung der Ordensfeste Johannisburg (1345) kolonisatorische Politik betreiben. Lediglich militärische Ziele waren seinen ersten Maßnahmen richtunggebend. Es hatten sich außerdem nur wenige der alten Pruzzen in diesem Gebiet gehalten und so stand es den Masauern frei, sich die wildreichen Wälder, die Seen und Flüsse nutzbar zu machen. Diese rodeten denn auch zuerst den Wald, bebauten die gewonnenen Aecker und als der Orden durch seine unglücklichen Polenkriege notgedrungen daran denken mußte, die natürlichen Schätze seines Landes mehr und mehr zu verwerten, was lag da näher, als die fremden Masauer in ihrer begonnenen Kolonisation zu unterstützen, sie noch seßhafter zu machen. Sie wurden Untertanen des Ordens und von diesem in Treue und Eid genommen.

So wird auch der Ursprung der heutigen Stadt Bialla gewesen sein. Denn bevor das spätere Dorf seine Handfeste wird erhalten haben, werden doch an dem Orte einige Siedler schon gewesen sein müssen. Zu diesen sind dann im Laufe der Jahre deutsche Kolonisten hinzugekommen, da die kleine Siedlung immerhin manche wirtschaftlichen Vorteile verhieß. Dieses entspricht auch den Siedlungsformen, die um die Wende des 14. Jahrhunderts in den Ordenslanden gebräuchlich waren. Militärische Zwecke werden nun bei der Besiedlung »auff der Gaylen« kaum maßgebend gewesen sein, es spricht jedenfalls kein Grund hierfür. Die wirtschaftlichen Aufgaben solcher Siedlungen bestanden für den Orden darin, aus ihm in kurzer zeit ein Zins- oder Scharwerksdorf zu schaffen, welches ihm die Landarbeiter stellen und möglichst viel Steuern aufbringen sollte. Damit die Besetzung solcher entstehenden Dörfer recht schnell geschehe, beauftragte der Orden gewöhnlich einen »Lokator«, einen - meist deutschen - Unternehmer, der für schnelle Besiedlung Sorge zu tragen hatte. Dieser holte sich seine Verwandtschaft, Freunde und Bekannten heran und erhielt für seine Bemühungen meistens neben der Schulzenstelle im neuen Dorf noch andere Vergünstigungen. So ist aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Dorf »auff der Gaylen« entstanden und der mit seiner Besiedlung betraute Lokator Pioter (Peter) wurde sein erster Sdulze.

II. KAPITEL.

Das Dorf auf der Gaylen.

Mit der nachstehend im Wortlaut wiedergegebenen Handfeste erteilte der Komtur zu Balga und Vogt zu Natangen, Jobst Strupperger, der damals zu Eylau, einem Ordenshause seines Komtureigebietes weilte, die Verleihungsurkunde zur Anlage eines Dorfes auf der Gaylen zu Culmischen Rechten.

     
 

»Geheler Hantfest.«

»Wir bruder Strupperger, kompthur zuir Balge und voyt zui Natangen, thun zue wissen allen den, die diesen unzeren brief sehen ader horen, lesen, das wir von geheiß und willen des erzamen geistlichen mannes bruder Pawe von Rustdorf, unzers hormeisters, und mith rathe, wissen und willen unsser eldisten brüder zuir Balge aus haben gegeben ein gebeuverisch dorf zui kolmischem Rechte auff der Gaylen gelegen, das 60 huben noch unzers landes mosse bynnen den grennitzen und reynen, als das von unzeren brüdern beweyset ist, sall behalden, das wir haben Strupperger genanth. dorinnen der getreuve man Pioter Schultze und besetzer des dorfes ist, dem wir von den 60 huben 6 huben zum Scholzampt vorleyen, im und seinen rechten erben und nachkomelingen erblich und ewicklich zu besitzen zui kolmischem Rechte. davon er uns sall getreuvlich dienen mith hengst und harnisch noch gewonheyt des landes gleich anderen unzeren Scholtzen, und sall uns das selbige dorf getreuvlich besetzen und besatzt behalden. dorzui wir ihm auch vorleyen dy kleinen gericht, als vier Schillinge und darunder, und von sunderlicher begnadigunge den dritten pfennigk der großen gerichte, das er doch keyns an unsser ader unzer anwalden wissen und willen richten sall. Auch von den ehegedachten 60 huben geben wir zuir widmen 4 huben, dy eynem pfarrer zui gehoren sollen. Aber die andern 50 huben vorleyen wyr den eynwonern des dorfes, in und iren erben und nachkomelingen erblich und ewicklich zui besitzen zui Colmischem Rechte. Da von sie uns dienen und sscharwerken sollen mith gebewerischer arbeyt, als ander unsser gebawer thuen, und sollen doruber alle jhar jerlichen auf unzer frawen tagk Lichtmess von einer itzlichen huben funfzehen Scothen gewonlicher müntze dieses landes und 2 hüener und 8 eyer zcinsten und von eynem itzlichen pfluge ader morgen eynen Scheffel wesse und den andern rogken zui pfIugkorn auf Sant Mertens tack des heyligen bischofs geben unzeren hauvsse zuir Balge, doch alzo, das sy zins und Pflugkorn nicht forder dan auf unsser hauß johannispurgk antworten. Auch zo wollen wyr, das die einwoner des dorfes, zo wol der Sdholtz, als die anderen eynwohner dem pfarrer von eyner itzlichen huben eynen scheffel rogken und den anderen haber zui Tetzem an czehendes sthat alle jar auf weihnachten geben sollen. Auch zo geben wyr den eynwonern des dorfes, eynen iderman, noch seynen ersten besatzung, als er ersten dy wiltnis annimpt, 15 jar freyheyt; wen aber die czal der jhar umbekompt, zo zall eyn iderman dienen und zinssen, als oben stehet; Zui mehrem gezeugnis und stetter befestigung haben wir unzer, insigel an diessen brief lossen hangen, der geschriben ist zuir ylaw auf unzerem hauvze anno 1428.«

 
     

Diese Urkunde bestätigt, daß wir es bei dem neugegründeten Dorf mit einem ausgesprochenen Zins- und Scharwerksdorf zu tun haben. Militärische Bedeutung hatte also das jetzige Bialla nicht und ist auch -- das sei hier vorweggenommen festgestellt - niemals befestigt oder von Stadtmauern umgebengewesen. Als festes unverrückbares Datum für die Entstehung Biallas ist also der St. Dionysius-Tag (9. Oktober) 1428 zu bezeichnen. Sein erster Schulze wurde der brave Peter, der damit wohl den Ruf des Gründers unserer heutigen Stadt für sich in Anspruch nehmen kann. Ihm, dem tüchtigen Lokator, wurden 60 Huben angewiesen, deren 50 er mit Anbauern zum LIrbarmachen besetzen sollte. Zum Schulzenamt gehörten 6 und zur Widdem, der Pfarre, wurden 4 Hufen ausgeworfen. Damit ist jedoch nicht ausgesprochen, daß gleich bei Anlage des Dorfes sich dort schon ein Pfarrer oder gar eine Kirche befand. Der Ordensherr hatte in weitsichtiger und kluger Voraussicht, in einer damals auch allgemein üblichen Weise schon die Einrichtung einer Pfarrstelle vorgesehen, die selbstverständlich das schnellere Anwachsen der jungen Ortschaft nicht wenig begünstigte. Peter, der wirklich ein kleiner König auf seinem Dorfbesitz zu nennen gewesen ist, hatte nun dem Orden einen berittenen Bewaffneten zu stellen, und war auch noch der Dorfrichter. Als ssolchem stand ihm eine beschränkte Polizeigewalt zu und in kleinen Streitigkeiten unter »vier schillinge und darunder« hatte er Recht zu sprechen. Im übrigen unterstand er dem Pfleger und Amtshauptmann der Johannisburg. Die Einsassen des Dorfes, die mit den oben erwähnten Masauern zu Anfang kaum zahlreich gewesen sein werden, hatten für die ihnen zu erb und eigen überlassenen Hufen zunächst das übliche Scharwerk zu leisten. Ihre Zins- und Abgabenpflicht bestand in funfzehn Scothen gewonlicher müntze< und in der Abgabe von 2 Hühnern und 8 Eiern für eine jede Hufe. Für jeden Morgen Ackerland waren dann ferner ein Scheffel Weizen und ein Scheffel Roggen als Pflugkorn am St. Martinstag an den Bischof zu Balga auf das Haus Johannisburg zu liefern. War der Schulze auch von diesen Abgaben frei, so hatte er doch ebenso wie die anderen Dorfeinwohner für den Pfarrer als Zehnten je ein Scheffel Roggen und Hafer zum Weihnachtsfeste zu liefern. Bei der noch auf sehr schwachen Füßen stehenden Wirtschaft des neuen Dorfes erscheint dieser Zins zusammengefußt reichlich hoch. Doch ist hier anzuführen, daß demjenigen Einsassen, der sich an das Urbarmachen der Wildnis heranmachte, eine Zinsfreiheit von 15 Jahren verheißen wurde. Das war selbstverständlich ein nicht zu unterschätzender Anreiz für die neuen Siedler und den Nutzen trug der Orden davon, der durch die Kolonisation mehr Ackerfläche und damit größere Abgaben gewann.

In gar nicht allzulanger Zeit muß es dem ersten Schulzen gelungen sein, mit neuen Ansiedlern sein Dorf zu besetzen. Bald hören wir von 88 Huben, die das Dorf umfaßte. Im Jahre 1495 wurde dem Vinzens Heyne (Heyner) der erste Freikrug nebst einer Hufe Land zu köllmischen Rechten mit der Maßgabe verschrieben, daß der Krug an die Landesherrschaft zurückfällt, falls der belehnte ohne Leibeserben verstirbt. Neben diesem Kruge werden auch sicherlich noch ein paar sogenannte >Scharwerkskrüge< in dem aufstrebenden Dorf bestanden haben, d. h. die so bevorrechtigten Besitzer konnten im eigenen Hause Bier brauen und ausschenken. - Derartige Vorrechte waren damals eigentlich nur in den Städten üblich. Da aber erwiesen ist, daß Scharwerkskrüge tatsächlich schon in den Anfingen der Ortschaft vorhanden waren, so liegen diese Privilegien bereits in der Linie der Entwicklung zum Stadtwesen. Das neue Dorf scheint dann auch von Beginn an, wohl dank einer tätigen Besiedlung und damit einer schnelleren Zunahme der Einwohnerzahl, als ein gehobeneres, größer angelegtes Dorf gegolten zu haben.

Wenn wir dann noch ferner erfahren, daß die erste Kirche schon im Jahre 1481 bestand, so wird die oben geäußerte Vermutung auch bestätigt. Bialla war in verhältnismäßig kurzer Zeit ein Kirchdorf geworden. -- Auch die Namen der anscheinend ersten Pfarrer im Orte sind uns bekannt. Im genannten Jahre 1481 nämlich wird an Stelle des erkrankten Pfarrers Nikolai dem ersten ständigen Seelsorger im Dorfe von dem wir Kunde haben --- Petrus Swenteslai aus der Diözese Plozk auf Präsentation des damaligen Komturs zu Balga, Erasmus v. Reitczenstein, als Kaplan in Gaylen eingeführt. Der Kirche, die übrigens der sedes Rössel unterstand, wurde dann bald eine einklassige Kirchenschule angeschlossen, deren Entstehung um das Jahr 1515 angenommen werden kann. An evangelischen Geistlichen werden zu Gala 1539 Jacob Pohl, 1552 Laurentius Discordia, 1553 Joannes Lepkowski und 1566 Mathias Jacobelius genannt.

III. KAPITEL.

Wirtschaftliche, insbesondere Krug=Verhältnisse
in Bialla im 16. und 17. Jahrhundert.

Leider sind uns aus der Zeit von 1500-1700 nur dürftige Nachrichten von Bialla überliefert. Ob und inwieweit der Ort unter den Kriegen des Ordens gelitten hat, war aus dem verfügbaren Aktenmaterial des Staatsarchives und den übrigen Quellen nicht festzustellen. - Jedenfalls muß sich nach 1500 der Handelsverkehr mit dem benachbarten Masovien und Polen stärker entwickelt haben. Hierfür scheinen m. E. auch die Krugverschreibungen zu sprechen, die auf einen stärkeren Verkehr in dem nicht ungünstig gelegenen Ort schließen lassen. So erhält vom Marggrafen Albrecht von Brandenburg den zweiten Krug in Bialla ein Adliger, Krispin v. Blumstein, zu Magdeburgischen Rechten unter der Bedingung, daß der Krug unter sämtliche Abgabepflichten fällt, sobald ein Nichtadliger in seinem Besitz kommt. - Ferner verrät ein Kaufbrief von 1587, daß vor Jahren einem Brosius Müller, »ein Platz von acht Ellen breit und ein und dreyssig Ellen lang eingeräumt worde, einen Krug darauf zu bauen zu Cöllmischen Rechten«. Diesen Krug, der seinem Besitzer keinen großen Gewinn brachte, kaufte dann der damalige Pfarrer Hieronymus Maletius und 1648 wurde ihm dieser dritte Freikrug zu Bialla verschrieben. Diese Verschreibung ist erhalten geblieben und soll als interessantes Dokument der damaligen Epoche hier nicht vorenthalten werden, insbesondere es sich bei diesem Kruge um das heutige Meißner'sche Grundstück handelt.

     
 

Krug=Verschreibung.

»Wir von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm Marggraff zu Brandenburg des heiligen Römischen Reichs Ertz-Cämmerer und Churfürst in Preußen, zu Jülich, Cleve, Berge, Stettin, Pommern. Der Cassuben und Wenden, auch in Schlesien zu Crossen und Jagerndorff, Herzog, Burggraff in Nürnberg und Herzog zu Rügen, Graff zu der Mark und Ravensburg, Herr zu Ravenstein, thun kundt und bekennen hiermit vor Uns und Nachkommen der Herrschaft, gegen jeden rnanniglich, sonderlich denen dieses zu Wissen vonnöten, was massen uns der würdige unser lieber getreuer Hieronymus Maletius Pfarrer zu Bial in unserem Ambte Johannisburg gelegen, In Unterthänigkeit zu vernehmen gegeben, wie daß er ein Baustädte und Garten sanft einer Wiesein allem Zweyhundert, Neun und Neunzig Schu lang und an einem Ende Dreyssig Schu am andern aber Vier und Siebentzig Schu breit mit der daraufstehenden Wohnung daselbsten zu Bial von Ambrosio Müllern vor dem an sich erkaufet, Wollen aber dieselbige Zeithiro Nahrungslos gestanden, dannenhiro supplikando demüthigst gebethen, wir ihm daselbst ein Cölmisch=Krug=Recht zu verleihen, in Gnaden geruhen wollten, damit dieselben sich dessen künftig zu erfreuen haben möchten, mit dem unterthänigen Anerbieten, daß er anstadt der andert halbe Mark, welche dieser Platz und Wohnung bis hiro gezinset, von nun an und hinfüro Jährlichen Drey Mark Zinserlegern wollte. Angesehen nur seiner unterthänige Bitte und weil wir und des Ersten unseres Haubtmanns zu Johannisburg auch lieben Getreuen Ludwig von Kannachern Obristen Lieutnants unterthänigsten Bericht verstanden, daß dieses ohn jemandes Schaden und Abbruch garwohl geschenen könne, unserer Cammer Einkünfte auch dadurch nichts abgehen, sondern vielmehr zu wachsen thate. So haben wir diesem seinem demüthigen petito in Gnade deferieren und ihm das gebothene Krugrecht geben wollen. Verleyhen und verschrieben. Demnach Kraft dieses vor uns und unserer Nachkommen Hertzogen in Preußen gewolten Pfarrern Heronimo Maletius seinen Rechten Erben und Nachkömmlingen ein Cöllmisch Krug Recht in gedachten unserm Dorf Bial, sich dessen rauf geregten Städte und darauf stehender Wohnung nach seinem und ihre besten ungehindert zu gebrauchen. Dahingegen sollen uns und Nachkommen der Herrschaft, rund seine jährlich Drey Mark Erbzinsen in unser Ambt Johannisburg auf Martini entrichten, und dieses Jahr den Anfang machen, Candirte Contributiones abtragen, anderer Beschwerer aber entnommen seyn und haben unsere Beambten zu Johannsburg, ihn und seine Erben daher zu jederzeit gebührendermaßen zu schützen.

Urkundlich mit unserm Churf. Siegel bekräftigen, so gegeben Königsberg, den sechsten Monatstag Novembris des ein tausend sechshundert acht und Vierzigsten Jahres.«

 
     

Als dieser Krug 1669 mit einem jährlichen Zins von 35 Mark durch das Amt Johannisburg belegt wurde, kam die Witwe des inzwischen verstorbenen Pfarrers Maletius in verschiedentlichen flehentlichem Gesuchen darum ein, es bei der in der Verschreibung bestimmten jährlichen Abgabe von 3 Mark zu belassen. Erst als bei ihr schon die Exekution angewendet worden war, erklärte sie sich zur Leistung voll 6 Mark jährlichen Abgaben bereit. - Der vierte Freikrug zu Bialla wurde zu Magdeburgischen Rechten 1577 einem Woitsch Kroschnietzke und seinem Weibe nebst einer Hufe zins- und scharwerksfrei übergeben. Ihm folgte sein Verwandter Jan Subba, der 3 Mark jährlichen Zins entrichtete, aber bald ohne Leibeserben starb. Nun erhielt 1633 Jasch Pirskowski, Postreiter, und Küfer des Arntes Johannisburg, dieses Grundstück mit allen Freiheiten. -- Aus dem Johannisburger Amts-Archiv geht dann hervor, daß der Krug und die Hufe »bald dem einen, bald dem andern, nur aus Gnaden gegen Erlegung 3 Mark jährlichen Zins verschrieben worden«. Das Grundstück wurde dann beim Einfall der Tataren vollständig zerstört und lag lange Jahre wüst, bis 1663 es der »damalige Haubtmann der Von Leßgewang« für 60 Mark an sich brachte. Die Erben desselben verkauften den Krug dann an den Amtsschreiber Zentarovius, der auf der immer noch wüst liegenden Baustelle endlich einen neuen Krug wiederaufbaute, sich aber beeilte, ihn bald an den ehemaligen Bürgermeister von Johannisburg, Friedrich Czierniewski, weiter zu veräußern. Der schicksalsreiche Krug ging dann in den Besitz des Johannisburg'schen Wildnisbereiters Dietrich Polkin über, doch auch dieser verkaufte im August 1695 das »zwischen dem Hause des kurfürstlichen Landschöp Orlovius und der kurfürstlichen Mühle« gelegene Grundstuck an Andreas Friedrich Hellwich von Gottberg für 1.050 polnische Gulden.

Wir haben also vier Freikrüge in dem Dorfe festgestellt, welche alle über ähnliche Privilegien verfügten. Daneben gab es zu jener Zeit noch 27 der schon erwähnten Scharwerkskrüge in Bial. Wie die »Mälzenbräuer« in den Städten, so hatten diese Dörfler das Vorrecht, Bier im eigenen Hause zu brauen und auszuschenken. Und wenn diese Scharwerkskrüge auch nicht als ein besonderer Gewerbebetrieb anzusprechen sind, so konnten ihre Einsassen doch außer ihrem eigenen - recht erheblichen - Hausbedarf an Bier, den zum Handel herüberkommenden polnischen Nachbarn noch manche Kanne des leicht berauschenden Getränkes abgeben. Aus der verhältnismäßig großen Zahl der Krüge auf einen besonders starken Handel und Verkehr über die Grenze schließen zu wollen, wäre nun allerdings gewagt. Selbst die privilegierten Freikrüge fristeten nur ein bescheidenes Dasein, denn der Dörfler braute größtenteils selbst und die trinkfreudigen Polen waren schlechte Kunden, die für bare Münze nicht viel übrig hatten.

Nun wurde vorhin eine kurfürstliche Mühle erwähnt, die wohl sicherlich zu dem heutigen »Mühlenteich« gestanden haben wird. Dieser Teich war vor Zeiten ein ganz stattliches Gewässer, geht doch auch die Sage, daß in ihm auf einer Insel eine Heidenburg gestanden haben soll. Das Bialla-Flüßchen, das wir uns gegen heute auch breiter und wasserreicher vorzustellen haben und das ja noch heute durch den Mühlenteich fließt, trieb nun diese Mühle, von der wir schon zu Ende des 16. Jahrhunderts hören. Die Mühle war oberschächtig und hatte zwei Gänge und waren für ihren Besitz, zu dem auch noch eine Hufe Land gehörte, seit 1637 an jährlichen Zins 3 Mark an das Amt zu zahlen. Von den Besitzern der Mühle werden im 17. Jahrhundert Moitek Christophzik, Johann Bischkowski und Gregor Czerny genannt.

IV. KAPITEL.

Der Tataren-Einfall und die Pest im Marktflecken Bial.

Um 1650 wird Bial als ein »Flecken« bezeichnet, ein gehobenes Dorf, in dem in bestimmten Zeitabschnitten damals wohl auch schon Wochenmärkte sstattfanden. Doch kann man annehmen, daß die günstige Lage des Orts zur polnischen Grenze schon vor dieser Zeit die Haltung von gewissen Märkten begünstigte. Jedenfalls wird die Entwicklung Bials in der Mitte des 17. Jahrhunderts trotz aller ungünstigen äußeren Einflüsse doch in einer Weise vorgeschritten sein, daß sie für die Zukunft des Ortes mancherlei Vorteile verhieß. Immerhin haben sich die Jahrzehnte besonders nach 1600 nicht ganz in aller Friedfertigkeit abgespielt. Kurze zeitgenössische Notizen lassen darauf schließen, daß die seit jeher neidischen Nachbarn, die Polen, häufig auf billige Beute aus waren und öfters das Gebiet und den Ort selbst heimgesucht haben müssen. So ist uns denn auch ohne nähere Angaben überliefert, daß sie bei einem ihrer Raubzüge in das wachsende Bial den achtzigjährigen Pfarrer in Ketten in die Gefangenschaft schleppten. -

Der Flecken besitzt jetzt schon sieben Hufen Wiesen, für die 70 Mark jährlich zu zinsen waren. Auch die Mühle war zu dieser Zeit neu erbaut worden und wird besonders lobend als "schön" erwähnt. Eine weitere Hufe war 17 "Gärtnern" zugeteilt. Unter diesen sind erblich ansässige Instleute auf landesherrlichem Besitz zu verstehen, die ihre eigene Wirtschaft in einem kleinen "Garten" betrieben, jedoch in der Hauptsache für die Landesherrschaft - hier das Amt Johannisburg - arbeiteten. Sie sind wohl in gewisser Beziehung unseren Deputanten gleichzusetzen. - Die Zinsbauern entrichteten von jeder in ihrem Besitz befindlichen Hufe 25 Mark. Ferner hatte jeder Wirt 2/4 Holz aufzusetzen und dann kam noch mannigfaches Scharwerk, das man gemeinsam mit den Sdorrern zu erledigen hatte und die Abfuhr des Amtsgetreides nach Königsberg hinzu. -  Die Besiedlung der Ortschaft und ihre Wirtschaft machte langsame, aber doch stetige Fortschritte, bis sie der erste große feindliche Einfall, den Bialla erlebte, der Raubzug der Tartaren, in diesem Aufstieg jäh hemmte und um Jahre zurückwarf.

Mit Mord und Brand, Entsetzen, Tod und Verwüstung um sich verbreitend, brachen 1656/1657 die Tatarenhorden in Preußen ein. Die Einwohner der masurischen Hauptämter lebten in diesen Jahren in ständiger Furcht, besonders als nach der Schlacht bei Prostken (8. Okt. 1656) die verbündeten Preußen und Schweden fast ihre ganzen Truppen verloren hatten. Jeden Augenblick konnten die wilden mongolischen Reiter auf ihren beweglichen kleinen Pferden wie plötzliches Unheil über den Hof, das Dorf, die Stadt hereinbrechen, und mit banger Erwartung sah man im Umkreis die Feuerschwaden und Rauchwolken eingeäscherter Gehöfte und Ortschaften zum Himmel steigen. Und so fielen an einem Wintersonntage des Jahres 1656 die in ihrer Raub- und Mordgier unersättlichen Mongolen auch in das völlig ungeschützte Bialla ein. Die Gemeinde war in der Kirche, der derzeitige Diakonus, dessen Name nirgends genannt wird, stand, seinen Gott anrufend, auf der Kanzel. Schon gingen einige Gehöfte des Ortes in Flammen auf, als die entmenschten Horden in der Kirche Heiligtum einbrachen und den Prediger von der Kanzel rissen. Mit einer großen Anzahl anderer Einwohner wurde der Gottesmann in die Sklaverei geführt.

Der ganze Ort wurde niedergebrannt und das Schicksal des bis in das Innerste erschütterten Masurenlandes teilend, sank auch Bial in Trümmer. Durch die allgemeine Verwirrung der Flucht, die Gefangennahme durch die Tataren wurden Eltern, Kinder, Ehegatten und Freunde von einander getrennt. In der Ungewißheit über das Schicksal der nächsten Angehörigen wuchs der Jammer. Und bei der kopflosen Flucht in die Wälder und Sümpfe sind viele Kinder, Kranke und Hilflose vergessen worden und elend umgekommen. Im Gefolge der grausamen Feinde zogen dann noch fast schlimmere Würger: Krankheiten und Hunger. In Mengen rafften die Seuchen das durch Eilend und Hunger heruntergekommene Volk hinweg und aus Hunger und Verzweiflung begannen viele derjenigen, die nichts als das nackte Leben gerettet hatten, sich im gewaltsamen Straßenraub das Ihre zu suchen. Gerade in dem hügeligen, an Schlupfwinkeln so reichen Gelände um Bialla nahm das Treiben der Räuberbanden überhand. - Möglich, daß in der Gegend um jene alte Preußenburg, die eingangs erwähnt wurde, oder in dem »Schaden«-Dorfe, in Skodden, selbst, eine jener Räuberbanden ihren Unterschlupf hatte.

Aber etwas besonderes ist noch aus jener Tatarenzeit Bialla betreffend zu melden. Von der anscheinend großen Zahl der von den Tataren Verschleppten sind nur sehr wenige wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Ueber das Schicksal jener bedauernswerten Gefangenen wird uns allgemein berichtet, daß sie mit Stricken und Pferdezäumen aneinander gefesselt, in verschiedenen Abteilungen über die Grenze fortgetrieben wurden. Auf dem weiten Wege durch Polen sind schon eine ganze Anzahl durch die Kälte und ungewohnte Drangsale umgekommen, auch beim Ueberqueren der Ströme ertrunken. »Als sie in die Tartarey angelangt sind, hat man dann diejenigen, besonders die Frauenspersonen, welche dem Tatar-Chan und seinen vornehmen Bedienten angestanden, für dieselben ausgesondert; die übrigen sind theils von ihren gestrengen Herren als Sklaven behalten; teils in Caffa und anderen Handelsplätzen der crimistischen Tartarey, auf den öffentlichen Märkten verkaufet, bey dem kümmerlichsten Lebensunterhalte auff den Galeeren und anderwärts zu der härtesten Arbeit gebrauchet worden. Fast alle haben auch unter derselben unterliegen müssen und ihr Ende gefunden. Nur sehr wenigen ist das Glück wiederfahren, daß sie durch ein Lösegeld in Freyheit gesetzet worden, oder durch andere Zufälle, meherenteils allererst nach vielen Jahren, Gelegenheit gefunden, in Ihr Vaterland zurückzukehren.« - Unter diesen Glücklichen befand sich auch der von der Kanzel fortgeschleppte Diakonus von Bial. Er kehrte, totgeglaubt, nach 31jähriger Gefangenschaft 1697 in den Ort zurück. Seine Ehefrau fand er noch am Leben.

Mit unverzagtem Eifer und Fleiß gingen die übriggebliebenen Bewohner des Ortes daran, aus den Ruinen der Häuser, den wüsten Aeckern neues Leben zu schaffen. Unterstützt wurden sie hierbei durch neuzuziehende Bauern, welche in harter Tagesfron sich ihr bescheidenes Leben ertrotzten. Das gesunde Element der Bauernschaft, aus der sich vorwiegend die Bewohnerschaft des Fleckens zusammensetzte, erhob die Ortschaft zu wiederbeginnendem Leben. - Einen starken Halt und anfeuernde Förderung fanden die um ihr tägliches Brot schwer kämpfenden Bewohner in dem neuen Pfarrer Bernhard Drigalski. Vorher Cantor in Johannisburg, wurde dieser im Januar 1675 durch den Erzpriester von Lyck, Johann Albert Thilonen, als Prediger an der notdürftig wieder instandgesetzten Kirche von Bial eingeführt. Segensreiche Arbeit leistete dieser eifrige Geistliche und prächtige Mensch für die Ortschaft und die noch heute in der Kirche zu Bialla vorhandene Grabtafel gibt Kunde von der großen Verehrung, die er im Orte genoß. Der greise Pfarrer konnte es noch erleben, daß sein Sohn, der Candidatus Ministerii Paulus Drigalski, der Cantor zu Angerburg gewesen war, am Sonntag Sexagesimi des Jahres 1707 in der Kirche zu Bialla seine Probepredigt hielt und zum Pfarrer-Adjunkt am Orte bestellt wurde.

Was man mühevoll, wahrhaft im sauren Arbeitsschweiße aus den Verwüstungen des Tatareneinfalls wieder aufgebaut hatte, es sollte keine Früchte tragen. Die Pest, der grausame schwarze Tod, entvölkerte die Stadt. - Wir wissen leider nichts bestimmtes, wie sie am Orte ausbrach und über welche Zeitspanne sie ihr Wüten ausdehnte. Aber das ist gewiß: Bial ist fast entvölkert worden in jenen Pestjahren 1708-1710! - Der überaus strenge Winter von 1708-1709 machte die ohnehin durch Hunger und Entbehrungen geschwächte Bevölkerung  empfänglich für alle Arten von Seuchen. Waren die Monate Oktober bis Dezember mehr naß als kalt gewesen, begann mit der Jahreswende eine ganz furchtbare Kälte. Von Kälte und Hunger gepeinigt, kamen Wölfe und andere Raubtiere bis in die Ortschaften hinein und rissen das Vieh in den Ställen. Die Kälte soll so ungeheuer gewesen, in die an sich nicht sehr massiv gebauten Häuser derart eingezogen sein, daß den Leuten sogar in den Betten die Glieder erfroren sein sollen. Noch im Mai bedeckte festes Eis die Seen und es war kein Wunder, daß es unter diesen Umständen um die Ernte schlecht bestellt war. Teuerung und Hungersnot waren die Folgen, und die Pest, die in den letzten Jahren nie so ganz in dem südlichen Teile Preußens aufgehört hatte, fand nun ein grausig vorbereitetes Wirkungsfeld. - Nach der Pestzeit lagen in Bialla fünf Erbkrüge wüst. Die 17 Gärtneranteile, von denen wir oben gehört haben, waren alle ohne Besitzer. Von den 57 Hufen und 15 Morgen, die 1708 von 38 Wirten besessen worden waren, wurden, nachdem der schwarze Tod sein Wüten eingestellt hatte, nur noch 6 Hufen bestellt. Die wenigen Ueberlebenden waren vor dem Tode in die Wälder geflüchtet, aber auch von ihnen kehrten nicht alle zur Scholle zurück. -- Bialla hat also außerordentlich unter dem großen Sterben der entsetzlichen Seuche zu leiden gehabt und wenn uns überliefert ist, daß insgesamt 315 Einwohner durch die Pest dahingerafft worden sind, so wird die Gesamtzahl der Bewohnerschaft nur um weniges höher (schätzungsweise 400-450 Einwohner) gewesen sein. Nun wird man sich aber nicht gleich den übertriebenen Vorstellungen hinzugeben brauchen, daß alles wirtschaftliche Leben in Bialla  während der Pestjahre erstorben war. Ebenso entspricht es nicht den Tatsachen, wenn mit einer gewissen Vorliebe von den einzelnen Städten und Dörfern behauptet wird, sie seien durch die Pest völlig entvölkert worden. Wohl wird Bialla bei zeitweise stärkerem Auftreten der Seuche in Folge Flucht der Bevölkerung in die Wälder fast menschenleer gestanden haben. Dieses ist recht wohl denkbar, aber im allgemeinen wird wohl manches Haus leer gestanden haben, die Bevölkerung zusammengeschmolzen sein, doch muß man bei einer Zahl von 315 an der Pest im Orte verstorbenen Einwohnern berücksichtigen, daß diese hohe Zahl von Todesopfern sich auf eine ganze Reihe von Jahren verteilt. - Daß Bialla durchaus nicht eine "Stadt der Toten"  war, beweisen uns auch mancherlei Mitteilungen aus der damaligen Zeit. - Für einen von ihm übernommenen Bierausschank bezahlte z. B. der Landkämmerer Jacobsohn 1710 3 Mark Lagergeld, ebenso entrichtete der Pfarrer Bannasch an Pacht für einen Platz am Orte 2 Mark. Und auch das gewerbliche Leben ging in beschränktem Maße weiter. Wir hören dazu, daß 1711 für den Mühlenbetrieb in Bialla 15 Pfund Eisen zu 7 Groschen vom Amte gekauft wurden und daß der Böttcher eine Tonne Pech bei dem Mühlenwehr verbraucht hat. Das alles beweist, daß der Ort unter der Seuche wohl litt, aber unter gewissen Einschränkungen doch das wirtschaftliche Leben seinen Fortgang nahm. - Uebrigens sind in unserem Orte, wie es auch allgemein üblich war, sogenannte "Pestkerle" angestellt gewesen. Diese hatten die nicht beneidenswerte Aufgabe, die Pestleichen aus den Häusern zu tragen, sie von den Straßen, auf denen sie zusammenbrachen, fortzubringen und in die Beerdigung zu besorgen. Im Jahre 1711 werden einem "Pestkerl von Bialla" 1 Mark 30 Groschen "wegen Begrabung eines an der Pest verstorbenen Menschen Matthes Schwinka von Dmussen" gezahlt.

Mit dem größten Teile seiner Gemeinde sank auch der vorbildliche Seelsorger, Pfarrer Drigalski, der bis zum letzten  Augenblick seine geistliche Pflicht aufopferungsvoll erfüllte, mitsamt seiner Ehefrau und dem hoffnungsreichen Sohn unter der grausigen Sense des "Schwarzen Todes". - In ihm verlor Bialla einen seiner besten Männer und Geistlichen, dessen Andenken die Nachwelt besonders zu ehren verpflichtet ist. Doch bald nach seinem Tode endete auch dieser traurige Abschnitt der Geschichte des Ortes. Der Pestzeit folgten 80 Jahre fast ungetrübter, friedlicher Entwicklung für unsere Ortschaft.

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Quelle:
Text auch abgedruckt im Chronik Sammelband Arys - Bialla - Drygallen - Groß Rosinsko,
Selbstverlag der Kreisgemeinschaft Johannisburg / Ostpr. 1982, Seite 111-192,
Das Buch ist leider nicht mehr lieferbar.

 

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Stand: 23. September 2017