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Die Domäne Adlig Borken

bulletErinnerungen an Borken von Dr. Jürgen Krull
bulletAuszüge aus den Güter-Adressbüchern

Adlig Borken - Domäne (1893-1945)

Von Dr. Jürgen Krull

Im August 1893 erwarb mein Großvater, Rudolf Goeldel, Adlig Borken; das Gut war etwa 3.000 Morgen groß, davon 400 Morgen schöner Hochwald. An lebendem Inventar wurden 60 elende Kühe und unterernährtes Jungvieh, 40 Schweine, 9 Gespanne mit kleinen Pferden und 2 Schimmel als Kutschpferde übernommen. Eine veraltete Brennerei war auch vorhanden. So war der Anfang in Masuren, damals im Reich noch als Wildnis bezeichnet, schwer. Das Wohnhaus und die Hofgebäude waren ziemlich verkommen und mußten im ersten Jahrzehnt nach und nach instandgesetzt werden. Im Jahre 1905 wurde Adlig Borken an den preußischen Staat verkauft und somit Domäne; der Hochwald blieb Privateigentum. Das Gutshaus wurde mit einem Anbau versehen, der die notwendigen sanitären Räume wie Toiletten und Badezimmer enthielt. Elektrisches Licht gab es damals noch nicht! - 1908 wurde eine Bahnstrecke von Johannisburg nach Dlottowen (Fischborn) gebaut, die 500 m von Borken entfernt den Bahnhof Kallenzinnen (Dreifelde) erhielt. Dorthin wurde von Borken eine Pflasterstraße gebaut. Das Verladen von Getreide, Kartoffeln etc. konnte nun auf dem Bahnhof Kallenzinnen erfolgen, was eine wesentliche wirtschaftliche Erleichterung war.

Während des 1. Weltkrieges, an dem mein Großvater als Major der Landwehr teilnahm, mußte am 18. August 1914 Borken vorübergehend verlassen werden. Als meine Großmutter mit den beiden ältesten Töchtern im Februar 1915 zurückkehren durfte, war das Wohnhaus von den Offizieren der Feldflieger-Abteilung 15 bewohnt. Die verschneiten Wiesen wurden als Feldflugplatz genutzt. Als Kriegsfolge waren das Vieh geschlachtet sowie die Pferde mit Wagen von den Russen mitgenommen worden. Mit zwei Pferden und einem Wagen sowie einer kleinen roten Kuh begann der Neuaufbau im Frühjahr 1915. Die Verpflegung war äußerst schwierig, da weit und breit weder Mensch noch Tier hausten. Täglich fuhr ein Militärauto nach Sensburg, welches die Truppenverpflegung brachte. Milch lieferte die Kuh und der am Pissek (Galinde) wohnende Bauer brachte öfters Fische oder Aale. Durch die Kriegsereignisse waren die Felder im Herbst 1914 nicht bestellt worden. Da es keine Pferde zu kaufen gab, wurde Jungvieh besorgt. Mit den Jungochsen wurden drei Gespanne gebildet und bei der Feldbestellung eingesetzt. Mit den Küchenabfällen der Einquartierung konnten zwei Läuferschweine gefüttert werden.

Im Sommer 1917 brannte der größte Teil des Hochwaldes, der durch Funkenflug einer Lokomotive entzündet war, nieder. 1918 wurde mit der Aufforstung begonnen, die erst Mitte der 20er Jahre vollendet wurde.

Bevor die Inflation alles Geldvermögen entwertet hatte, gelang es, Wohnhaus und Hofgebäude mit elektrischer Installation zu versehen. Mit Hilfe einer Dampfmaschine in der Brennerei wurde der Strom erzeugt, der in einer Batterie-Anlage gespeichert wurde.

Auch die Jahre nach Einführung der Rentenmark/Reichsmark waren für die Landwirtschaft äußerst schwierig und mancher Gutsbesitzer mußte wegen Überschuldung aufgeben.

Wenn ich mich recht entsinne, fuhren wir seit 1928 regelmäßig nach Masuren, um die Sommerferien bei den Großeltern Goeldel in Borken zu verbringen. Der große Park beim Wohnhaus ließ uns viel Spielraum. Auch durften wir im Gemüsegarten helfen. Bei Spaziergängen am Feidrain oder in den Wäldern lernten wir die Pflanzenwelt unter Anleitung meiner Tante, die Gärtnerin war, kennen. So entstand seiner zeit ein Herbarium, welches ich heute noch sorgfältig verwahre. Im Hühnerstall durfte ich die Hennengelege befühlen, ob ein Ei zu finden war; gegebenenfalls öffnete ich die Fallklappe und das Huhn schlüpfte wieder ins Freie. Die Hennen waren beringt und die Legefreudigkeit wurde genau aufgezeichnet. Besonders beeindruckt war ich von dem Eiskeller in der Nähe des Wohnhauses, der im Sommer das Eis zur Kühlung der Lebensmittel lieferte. Im Winter wurde das Eis dem nahe gelegenen Fließ entnommen und in handlichen Stücken in den durch Stroh und Erde isolierten Eiskeller eingebracht, der im Sommer von hohen Bäumen beschattet wurde. - Das Fließ war nicht sehr tief, sodaß wir im Sommer darin baden konnten oder auf einem Floß bis zum Wehr bei der Schmiede staken durften. Da wir schon frühzeitig schwimmen gelernt hatten und ein Fahrtenschwimmerzeugnis besaßen, durften wir mit den Erwachsenen auch im etwa ein Kilometer entfernten Pissek (Galinde) baden. Die starke Strömung mit den Strudeln war nicht ganz ungefährlich, aber herrlich sich davon treiben zu lassen, um auf einer Sandbank an Land zu steigen und am Ufer zur Badestelle zurückzulaufen.

Als ich älter geworden war, durfte ich auch auf dem Pony reiten, natürlich auf dem nackten Rücken. Später lernte ich auch ordentlich reiten, zunächst ohne Sattel, um mir ein besseres Gefühl zwischen Reiter und Pferd zu vermitteln. Nachdem ich nach einigen Jahren genügend Erfahrung gesammelt hatte und sicher im Sattel saß, wurde ich auch zu mehrstündigen Ausritten mitgenommen. - Übrigens war die Pferdezucht ein Steckenpferd meines Großvaters, wobei sein jüngster Sohn Fritz als Reiter so manchen Preis auf eigenen oder fremden Pferden erringen konnte.

Aber auch die Rinderzucht nahm einen breiten Raum ein. Für das Herdbuch mußten die Tiere mit den Schecken abgezeichnet werden. Das klingt ganz einfach, aber die Rinder liefen in einem kleinen Pferch hin und her, an ein Stillstehen war nicht zu denken. Mit Geduld und Ausdauer gelang es schließlich doch, ein Ebenbild beider Seiten zu Papier zu bringen.

Gelegentlich waren wir auch zum Segeln auf dem Roschsee eingeladen. Bei lebhaftem Wind sausten wir so durchs Wasser, beinahe unheimlich schien es mir. - Gemütlicher ging es auf einer Bootsfahrt von Johannisburg über den Roschsee, durch den Jeglinner Kanal, über den Sextersee an Fort Lyck vorbei in den Spirdingsee und weiter durch den langgestreckten Beldahnsee zur Schleuse Gudczanka bei Rudczanny.

So haben wir als Kinder von den Sorgen der Erwachsenen kaum etwas bemerkt. Nach Vollendung des 70. Lebensjahres - der Geburtstag wurde im Kreise vieler Freunde zünftig gefeiert - übergab mein Großvater im Jahre 1934 die Wirtschaft an seinen Sohn Fritz. Schon zwei Jahre später ist mein Großvater auf einer Dienstreise im Dezember 1936 plötzlich einem Herzschlag in Königsberg erlegen.

Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg: Das beste Land wurde beschlagnahmt und ein Flugplatz angelegt. Noch bevor Klee und Gras gewachsen waren, konnte der Feldzug in Polen beendet werden; ein Flugzeug setzte nie zur Landung an.

Als Student weilte ich noch einmal im Sommer 1940 bei meinen Verwandten in Borken. Ungewöhnliche, friedliche und beschauliche Tage, in denen ich von den Kindheitserinnerungen träumte, aber noch war alles wundersame Wirklichkeit.

Im Sommer 1944 rückten die Fronten von Osten näher an Ostpreußen heran. Aber bis September blieb es ruhig in Masuren. Danach setzte zunehmend der Flüchtlingsstrom aus dem Osten ein. Das entfernte Donnern an der polnischen Grenze hörte gar nicht mehr auf.

Am 18. Januar 1945 faßte die Räumungskommission in Johannisburg den Beschluß, daß Frauen und Kinder sofort aufbrechen müßten, um noch mit einem Zug nach Danzig auszureisen. Meine Großmutter war vollkommen sprachlos und keiner Gedanken fähig. Alle Tiere, die mit soviel Mühen aufgezogen und behütet waren, mußten zurückgelassen werden. Nur mit einem Handkoffer ging es auf die Flucht.

(Nachwort: 1986 hatte ich Gelegenheit an einer Busreise nach Sensburg und durch Masuren teilzunehmen. Ich war beglückt, die Heimat meiner Mutter - Wälder und Seen - wiederzusehen).

Auszüge aus den Güteradressbüchern

 
  Domäne Adlig Borken 1879 1903 1905 1922 1929 1932
 
  Gesamtfläche in ha 785 862 862 862 790 787
       Acker und Gärten 481 570 570 570 410 585
       Wiesen 102 130 130 130 100 112
       Weiden 79 30 30 30 80 50
       Wald 109 118 118 118 160 60
       Ödland 13 10 10 10 K/A 25
       Wasser - 4 4 4 K/A 5
 
  Viehbestand in Stück 
       Pferde K/A K/A 67 81 63 60
       Rinder K/A K/A 198 112 152 140
            davon Kühe K/A K/A 62 52 60 60
       Schafe k/A K/A 20 60 - -
       Schweine K/A K/A 178 50 275 200
 

Quellen:
Text: Dr. Jürgen Krull, veröffentlicht in:
Johannisburger Heimatbrief 1987, Seite 96-98;
Tabelle: Auszüge aus den Güteradressbüchern für die Domäne Adlig Borken

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Stand: 22. Juni 2018