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Flucht der Fam. Kolossa
 

 
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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Fluchterlebnisse der Familie Kolossa im Kriegsjahr 1945
 Aufzeichnungen von Martha Hess, geb. Kolossa

In der Nacht zum 20. Januar 1945 erhielt die Gemeinde Talau im Kreis Johannisburg den Räumungsbefehl durch die Ortspolizeibehörde zugestellt. Nun begann ein fieberhaftes Packen, denn es galt in 3 Tagen Haus und Hof zu verlassen, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu fahren. Dieses waren wohl die schwersten Stunden, die ein jeder in unserem kleinen Ort zu durchleben hatte.

Nach rastloser Tag- und Nachtarbeit waren wir am 22. Januar 1945 endlich so weit, unsere Heimat zu verlassen. Da aber der Räumungsbefehl fast zur gleichen Zeit für unseren ganzen Kreis gegeben war, hatten die Grenzbewohner bereits unser Dorf und Umgebung erreicht und so herrschte eine große Verstopfung auf allen Straßen. So zogen wir es vor, diese letzte Nacht noch zu Hause zuzubringen. Zur Nacht kamen tausende von Flüchtlingen in unser Dorf, so stand denn auch unser Hof voller Wagen und das Haus war voller Menschen. Im Laufe der Nacht kamen noch die zurückgehenden Soldaten dazu, so gab es kein Plätzchen mehr, wo man ungestörten stillen Abschied von den uns so lieb gewordenen Räumen und Stätten unserer Eltern und Vorfahren nehmen konnte.

Als dann am Morgen die Wagen unseren Hof verlassen hatten, beschloss unser Vater, der für unser Dorf als Treckführer bestimmt war, den Landweg über Buchenhagen zur Hauptstraße zu nehmen. Der Weg war tief verschneit, jedoch schafften es die Pferde mit ihrer unverbrauchten Kraft die schon einen Tag eher aufgebrochenen bekannten Bauern der umliegenden Orte einzuholen.

Unser Treck bestand aus 12 Wagen. Bauer Kolossa als Treckführer mit 3 Wagen, 4 Familienangehörigen, 4 Italienern und einem Polenmädchen; Kuhnke mit 1 Wagen, Walinschus mit 1 Wagen, Wilda mit 3 Wagen, Klein und Beutler mit je 1 Wagen und eine Schwester unserer Mutter, Frau Ida Zyperrek aus Gregersdorf mit 1 Wagen. Alle Dorfbewohner, die keinen eigenen Wagen besaßen, waren bereits 2 Tage zuvor mit einem Transportzug von unserer Bahnstation Tuchlinnen abgefahren. Etwa die Hälfte der Bauern unseres Ortes zögerten noch und schlossen sich dem Treck nicht an.

2 Tage ging es langsam vorwärts unter Begleitung von ständigem immer näher kommenden Kanonendonner. Am 3. Tag wurden in Salpkeim durch die Einweisung auf die Hauptstraße unsere Wagen auseinander gerissen. Die Straße war verstopft durch die Tausende von Flüchtlingswagen und die Front brauchte Nachschub, so mussten wir oft stundenlang auf der Straße stehen. Der Fahrbefehl lautete über Rastenburg. Als wir jedoch 5 km vor Rastenburg den Ort Eichmedien erreicht hatten, kam plötzlich eine Umleitung. Der Russe war, wie wir später erfuhren, schon vor uns in Rastenburg gewesen.

Kurz vor der Umleitung war ich ein Stück vorausgegangen und traf auf die von uns getrennten Dorfbewohner. Sie wollten im nächsten Ort Nachtquartier machen. Als wir diesen Ort erreichten, war es bereits dunkel und der Ort von Fahrzeugen derart überfüllt, dass nicht mehr daran zu denken war, noch ein Nachtquartier zu finden. So suchten wir uns aber ein Haus, wo wir unser Essen wärmen konnten. Da starker Frost herrschte, konnten wir beim Fahren am Tage kaum ans Essen denken. Das Brot, das wir uns im Quartier am Abend fertig machten, war gefroren. So wurde in der Regel die Hauptmahlzeit auf den Abend verlegt. Mein Vater fütterte dann an einer geschützten Stelle die Pferde im Freien, und nachdem wir etwas Warmes gegessen hatten, setzten wir unsere Fahrt im Mondschein fort.

Gegen 4 Uhr morgens erreichten wir das Dorf Grunau, Krs. Sensburg. Es war sehr kalt und Schneegestöber setzte ein. Einige der vorderen Wagen blieben stecken und so ging es auf einmal nicht weiter. Während auf der linken Seite Wehrmacht und immer wieder Wehrmacht zog, mussten wir auf der rechten Straßenseite stehen bleiben. Nach stundenlangem Stehen fing der Morgen an zu grauen. Ich suchte ein Haus, um für uns alle Kaffee zu kochen. Zwischendurch holte ich auch meine Mutter herein, damit sie sich ein wenig wärmen konnte. Ich war gerade mit Kaffeekochen fertig, da kam mein Bruder Rudolf herein. Wir sollten sofort zu den Wagen kommen, denn wir müssten ausspannen und nur mit den Pferden weiter ziehen. Die Russen wären schon sehr nahe und die letzten Truppen gingen zurück.

Mein Vater hatte mit einem Hauptmann gesprochen, der ihm dringend geraten hatte, mit den Pferden so schnell wie möglich hinter die nächste Hauptkampflinie zu kommen. Meine Mutter und ich durften mit den Soldaten auf Wehrmachtsschlitten nach Heiligenlinde mitfahren. Wir nahmen nur den Koffer mit den Wertsachen mit. Mein Vater und mein Bruder kamen mit den Pferden hinterher. Die 4 Italiener hatten sich geweigert, jeder ein Pferd zu besteigen und mitzureiten. Es war ihnen zu kalt und sie wollten lieber laufen. Wir haben sie dann auch nicht mehr wieder gesehen. Ein Pferd überließ mein Vater den Soldaten, so hatten wir nur noch 5 Pferde mit.

In Heiligelinde machten wir einige Stunden Rast, fütterten die Pferde und konnten bei einer Familie, die auch zur Flucht rüstete, ein warmes Mittagessen erhalten. Wir bekamen auch noch einige Gläser mit Fleischwaren mit und fuhren weiter in den sinkenden Abend hinein. Der Weg über ein verschneites Feld war sehr schwierig und als ein Gehöft in Sicht kam, beschlossen wir für diese Nacht dort Quartier zu machen. Obgleich sich auf diesem Hof schon sehr viele Flüchtlinge befanden, nahmen uns

die Leute aber auch noch auf. Hier übernachtete auch eine Familie, die ebenfalls in Grunau ihrer Wagen hatte stehen lassen müssen und auch ihre Pferde verloren hatte. Sie hatten ein kleines Kind und baten unseren Vater, ihnen 2 Pferde zur Weiterfahrt zu überlassen. Vom Nachbargehöft erhielten sie einen Kutschwagen. Auch wir erhielten einen Wagen von dem Bauern, bei dem wir Quartier bezogen hatten.

Der Kanonendonner von der Front dröhnte schon zu uns herüber, doch wir waren so übermüdet, daß wir die ganze Nacht hindurch schliefen. Gegen Morgen sausten die Geschosse über das Gehöft, auf dem wir uns aufhielten. Nach dem Frühstück fuhren wir weiter nach Rößel. Die Fahrt bis dahin ging sehr flott, doch in der Stadt waren die Straßen bereits mit Treckwagen verstopft. So ging die Fahrt durch die Stadt sehr langsam. Der Kanonendonner schien zusehends näher zu kommen und bald kamen auch Wagen mit verwundeten Soldaten durch. Als wir uns endlich dem Ausgang der Stadt näherten, gab die Wehrmacht den Befehl, alle Trecks sollten sich in die Quartiere der Stadt begeben. Da wir für unsere Pferde kein Futter mehr hatten, fuhren wir einen Feldweg zu einem etwa 1 km entfernt liegenden Gehöft. Hier bekamen wir Futter für die Pferde und konnten uns auch eine Suppe kochen. Kaum hatten wir diese gegessen, war der Kanonendonner schon sehr nahe und wir sahen, dass die Stadt Rößel an allem Ecken brannte. Die russische Armee schoss direkt in die Stadt hinein. In aller Eile wurden die Pferde wieder eingespannt und wir fuhren, so schnell die Tiere laufen konnten, weiter. Die Menschen flüchteten ohne jedes Gepäck aus der Stadt heraus. Einige Wagen, die sich bereits von ihren Gehöften entfernt hatten, kamen wieder zurück. Die sahen ein, dass sie mit den schwer beladenen Wagen doch nicht weit kommen würden. Sie zogen es vor, vom Feind zu Hause angetroffen zu werden.

Wir mit unserem leichten Wagen kamen besser voran und beschlossen erst Halt zu machen, wenn der Kanonendonner nicht mehr so deutlich herüberdröhnte. So kamen wir bis hinter Bischofsstein. Da es bereits auf Mitternacht zuging, blieben wir auf einem Gut. Die Gutsherrin wollte uns nicht aufnehmen, sie schützte Platzmangel vor. Da Vater aber feststellte, dass für die Pferde genügend Platz vorhanden war, blieben wir auch ohne Einwilligung. Die Pferde waren untergebracht, doch das Haus blieb für uns verschlossen. So gingen wir in die Leutewohnung, die eine Ukrainerfamilie bewohnte. Hier war eine dunkler leere und kalte Küche unser Aufenthaltsort. Nach etwa 1 Stunde kam Feldpolizei und erzwang den Zutritt in das Gutshaus, in dem, wie wir dann feststellten, noch viel Platz war.

Als wir am nächsten Morgen mit leerem Magen aufbrachen, schien noch der Mond. Die Fahrt ging aber wieder flott voran, sodass wir in der 10. Vormittagsstunde Heilsberg erreichten. Hier war die Kreisleitung noch in voller Tätigkeit, so konnten wir uns über die Weiterfahrt Auskunft holen. Wir hatten die Absicht, die Pferde aufzugeben und wollten mit der Bahn weiterfahren. Doch dieses war nicht mehr möglich. Wir erhielten hier aber die ersten Lebensmittelkarten für die nächsten 8 Tage. Wir kauften soviel Brot, wie wir bekommen konnten, und fuhren um 14 Uhr weiter. Zur Nacht mussten wir wieder ein Quartier suchen. An der Hauptstraße war schon alles belegt und so fuhren wir einen Landweg durch tiefen Schnee zu einem Dorf. Da die schweren Wagen nicht dorthin kamen, war es leichter, eine Unterkunft zu bekommen. Der Bürgermeister des Dorfes behielt uns gleich da. Es war ein sehr schöner Hof mit einer vorbildlichen Ordnung und auch die Besitzer waren sehr nett. Auch hier waren - wie überall -Soldaten einquartiert. Darunter war auch ein Oberfeldwebel aus unserem Kreis, der um seine Mutter bangte und sie unter den Flüchtlingen suchte. Am nächsten Morgen hatte auch dieser Ort den Fluchtbefehl erhalten. Wir frühstückten in aller Eile und verließen das schöne gastliche Haus.

Schon am Morgen setzte Schneegestöber ein. Von den abziehenden Soldaten erhielten wir jeder eine Wind- und wasserdichte Tarnjacke, die uns in den nächsten Wochen ein guter Schutz war. Da bei dem schlechten Wetter die Verstopfung auf den Fahrstraßen immer mehr zunahm, kamen wir nur schlecht weiter. So beschlossen wir, im nächsten Dorf in Quartier zu gehen. Die Hauptsache waren immer unsere Pferde. Wenn diese nur ein Dach über dem Kopf hatten, dann fand sich für uns auch ein Plätzchen, auch wenn wir die Nacht sitzend zubringen mussten. Wichtig war vor allen Dingen, dass wir uns aufwärmen konnten.

Am nächsten Tag, es war der 31. Januar 1945, erreichten wir das Städtchen Landsberg. Da die Stadt von Fahrzeugen aller Art überfüllt war, mussten die Trecks in die großen Weidegärten vor der Stadt einfahren und den weiteren Fahrbefehl abwarten. Hier kauften wir noch alles an Lebensmitteln, was wir auf die zugeteilten Marken erhalten konnten.

Hier trafen wir auch einen Verwandten, Onkel Michael Buczko aus Schlangenfließ. Dieser hatte bisher noch seinen Treck behalten. Als er von unserem Verlust hörte, bekamen wir noch etwas von seinen Lebensmitteln ab.

Erst am Abend kam der Befehl zum Weiterfahren. Es ging nur sehr langsam voran. Wir fuhren bis 2 Uhr nachts, dann konnten wir es vor Kälte nicht mehr aushalten und mussten versuchen, eine Unterkunft zu bekommen. Das Gehöft, das wir ansteuerten, war bereits überfüllt, doch der Bauer und seine Familie waren sehr gute Menschen und nahmen uns auch noch auf. Es war nur Platz zum Sitzen auf engstem Raum. Mutter und Tochter standen die ganze Nacht am Herd und kochten Kaffee für die vorüberkommenden Soldaten und die frierenden Flüchtlinge.

Am Morgen strich ich im Kalender den 1. Februar an, es jährte sich zum 2. Mal der Tag, an dem unser guter Bruder Paul in Russlands Norden südlich des Ladoga-Sees gefallen war. So schwer es uns bei dieser Erinnerung ums Herz wurde, haben wir ihn doch beinahe um seine Ruhe beneidet.

Bei Tagesanbruch fuhren wir weiter und auch an diesem Tag standen wir mehr als wir fahren konnten. Gegen Abend kamen wir in ein Dorf und konnten auf dem Gut Quartier machen. Auch diese Nacht konnten wir nur im Sitzen zubringen, die Pferde konnten in der Scheune stehen. Im Dorf kochte eine Küche für die Flüchtlinge, so konnten wir eine warme Mahlzeit erhalten. Gleich darauf strömten Scharen von Soldaten der zurückflutenden Front in sämtliche Räume. Diese Menschen waren so abgekämpft und übermüdet, dass sie an den unmöglichsten Stellen fast umfielen und sofort einschliefen. So war uns die Front wieder einmal merkwürdig nahe gerückt.

Da ich an diesem Abend keinen Schlaf finden konnte, stopfte ich bei dem schlechten Kerzenlicht Strümpfe und Handschuhe, letztere vom Vater, der sie durch das Halten der Leine täglich zerriss.

Zwischendurch brachen die Soldaten zum Weitermarsch auf und immer neue kamen dann herein. Einer setzte sich zu mir an den Tisch und wir kamen ins Gespräch. Von ihm erfuhr ich, dass er auch unser Dorf passiert und sogar auf unserem Hof Rast gemacht hatte. Das war zu dem Zeitpunkt, als mein Bruder mit 2 Italienern noch auf dem Hof war, um das Vieh noch einmal zu füttern. Er erkannte meinen Bruder sofort wieder.

Ich erzählte ihm von dem bisherigen Verlauf unserer Flucht und er riet mir, noch vor Mitternacht zur Weiterfahrt aufzubrechen, da er hoffte, dass wir dann besser vorwärts kämen. So weckte ich um 23 Uhr die anderen und 1 Stunde später ging die Fahrt weiter. Bis wir in der Dunkelheit aus dem Gewirr von Militär- und Zivilfahrzeugen den Dorfausgang erreichten, war eine gute Stunde vergangen. Dann war aber die Straße frei und wir konnten ein sehr gutes Tempo fahren. Wir machten erst am nächsten Morgen um 10 Uhr im Dorf Lindenau im Krs. Heilsberg eine Pause, um die Pferde zu füttern und selbst etwas zu essen. Nach zweistündiger Rast fuhren wir weiter. Am Nachmittag kamen wir in dem Dorf Vogelsang, 10 km von Braunsberg, an und erfuhren dort, dass wir uns ein Quartier suchen sollten, um weitere Befehle abzuwarten. In Braunsberg selbst gab es keine Möglichkeit zur Unterbringung und Fütterung der Pferde. Wir konnten die Pferde auf einem größeren Bauernhof in der Scheune unterstellen und wir fanden im Nachbarhaus bei einer aus Königsberg evakuierten Frau mit ihrem kleinen Töchterchen in einer Oberstube Unterkunft.

Am nächsten Morgen ging ich mit Frau Schiedrella, das war die Frau, die mit ihrer Familie mit unseren 2 Pferden mit uns fuhr, zu Fuß nach dem 10 km entfernten Braunsberg. Wir wollten die schon überlasteten Pferde nicht in Anspruch nehmen. In Braunsberg wollten wir einiges über die Weiterfahrt in Erfahrung bringen. Unterwegs mussten wir immer wieder hinter Bäumen Deckung nehmen, da russische Flieger am Himmel kreisten. Es war ein klarer und sonniger Tag.

In Braunsberg wurden die neuesten Parolen laufend durch Lautsprecher bekannt gegeben und so erfuhren wir, daß die Trecks bis zur Bekanntgabe neuer Anweisungen in den Quartieren zu verbleiben haben. Nach Einkauf einiger Lebensmittel machten wir uns auf den Rückweg und erreichten erst am späten Abend Vogelsang. Der nächste Tag war ein Sonntag, er wurde zum Ausschlafen und 1nstandsetzen unserer Kleidungsstücke genutzt. doch am späten Nachmittag griffen die russischen Flieger Vogelsang an. Einige Gehöfte brannten, es gab Tote unter den Soldaten und Zivilisten. Einige Flüchtlinge verloren ihre Pferde und das bedeutete, dass sie nur noch mit der Habe, die sie tragen konnten, weiterziehen mussten. Auch in der Nacht überflogen feindliche Flieger das Dorf. Am Morgen des nächsten Tages erfuhr dann Vater auch den sofortigen weiteren Fahrbefehl. Wir sollten nach Leysuhnen zum Übersetzen über das Haff. Deshalb wollten wir nach dem Frühstück unsere Fahrt dorthin fortsetzen. Doch als wir beim Frühstück saßen, hörten wir plötzlich Fliegerbrummen und schon fielen die ersten Bomben. Diesen folgte sofort Bordwaffenbeschuss. Alles rannte in die Keller in Deckung. Die Angriffe wiederholten sich alle 20 Minuten, sodass wir nicht ins Freie konnten. Im Verlauf dieser Angriffe waren sehr viele Militärlastwagen in die Luft gegangen und zahlreiche Häuser entweder eingestürzt oder beschädigt. So, mussten wir den ganzen Tag im Keller sitzen und warten, welche Bombe wohl uns treffen würde. Wir blieben aber alle am Leben, nur das Haus war schwer beschädigt.

In den Abendstunden ließen die Angriffe endlich nach und so verließen wir Vogelsang bei stockdunkler Nacht. Beim Morgengrauen wurden wir auf ein freies Feld zu einer kurzen Rast geleitet. Die Pferde wurden gefüttert und auch wir aßen Brot ohne etwas Warmes zu trinken. Dann ging es wieder weiter. Jetzt mussten wir Landwege benutzen und daher ging es sehr langsam voran.

Erst am nächsten Tag gegen 21 Uhr erreichten wir dann das Dorf Leysuhnen bei beginnendem Regen. Die von tausenden von Wagen zerfahrenen Straßen waren grundlos. Auch dieser Ort war von Soldaten und Flüchtlingen vollgepfropft. Wir fuhren auf einen Hof herauf, doch für die Pferde war kein Platz mehr. So mussten die armen Tiere die ganze Nacht bei strömendem Regen im Freien zubringen. Wir fanden noch ein Plätzchen in einem Haus, in dem wir die Nacht sitzend verbringen mussten. Am nächsten Morgen saßen wir auf unserem durchnässten Wagen und bewegten uns bei strömendem Regen der Übergangsstelle über das Frische Haff zu. Die Fahrstrecke auf dem Eis war durch Stöcke gekennzeichnet. Wenn ein Fahrzeug vom Ufer etwa 50m weg war, konnte das nächste über die Brücke herüber. Am Rande war das Eis durch den vielen Regen weggetaut. Nach 4-stündiger Fahrt erreichten wir das andere Ufer des Haffs. Durch den Regen stand das Wasser etwa 10 cm hoch auf dem Eis. Wir waren dank unserer Pferde noch gut dran, aber die armen Fußgänger hatten es unbeschreiblich schwer auf dem glatten, nassen Eis weiter zu kommen. Am Ufer standen schon Hunderte von Wagen, denn sie kamen wegen des tiefen Sandes auf der Nehrung nicht weiter. So mussten wir denn einige Meter vom Ufer entfernt auf dem Eis das Haff entlang nach Kahlberg fahren. Einige Kilometer ging es dann auch ganz gut weiter. Doch dann zeigte uns das Haff auch seine grauenhafte Seite. Man sah eingebrochene Wagen und Autos, tote Menschen und Pferde, immer mehr, je weiter die Fahrt anhielt.

Plötzlich kam eine Stockung in die Massen. Weiter vorn war das Eis durch die vielen Risse unbefahrbar geworden. Pioniere waren an der Arbeit, um Brücken über die Risse zur Überfahrt an Land zu bauen. Unser Vater, der von Hause aus sehr eiskundig war, zog es vor, vom Wagen zu steigen und selber nach einer Überfahrt zu suchen, während ich mit dem Wagen nachfuhr. Nachdem Vater eine Stelle gefunden hatte, borgte ihm ein Unteroffizier Bretter, mit deren Hilfe wir einen Riss überfahren konnten. Wir waren froh, als wir wieder festen Boden spürten und das grauen des Eises hinter uns lag. Auch die Wege waren hier schon fester und so zogen wir dann in den Wäldern der Nehrung weiter. Die Hoffnung, hier endlich wieder ein Dach über dem Kopf zu haben, erwies sich als trügerisch. Weit und breit gab es kein Haus und kein Dorf. Es ging durch den Nehrungswald weiter und immer weiter. Bei Einbruch der Dunkelheit gab es wieder einen Stau. Unser Vorrat an Pferdefutter ging auch zur Neige, so fraßen denn die armen Tiere die Nadeln von den Bäumen. Der Kanonendonner dröhnte andauernd herüber, die brennenden Städte standen wie Fackeln an dem immer dunkler werdenden Himmel. Und weiter ging es durch den nachtschwarzen Wald; ein schwieriger schmaler Weg, der dann wieder aus dem Wald am Haff mündete und dort weiter am Schilf entlang ging. Wir muten die Nacht wieder auf der Straße verbringen. Nach einer endlos scheinenden Nacht graute endlich der Morgen. Nun hieß es weiterfahren. Am Nachmittag erreichten wir Kahlberg. Der Ort war von Tausenden von Flüchtlingen belegt, die zu Fuß angekommen waren und auf den Weitertransport mit dem Schiff warteten. Also bekamen wir auch hier kein Futter für die Pferde und für uns auch nichts zu essen. So verbrachten wir auch diese Nacht auf dem Wagen unter freiem Himmel. Die Schiffsartillerie feuerte, dass wir meinten, unser Trommelfell müsste platzen. Die armen Pferde gingen bei jedem Abschuss förmlich in die Knie.

Am frühen Morgen ging es dann weiter. Wir wurden an der Ostsee weitergeleitet. In dem tiefen Dünensand ging es sehr schwer weiter, die hungrigen Pferde taten einem in der Seele leid. So gingen alle, die laufen konnten, zu Fuß weiter. Weit und breit kein Haus, nur Meer und niedriger Kiefernwald. Gegen Mittag erreichten wir ein ehemaliges Kurhaus. Hier wurde für die Flüchtlinge gekocht. Wir hatten Glück, etwas Suppe zu bekommen. Gegen Abend kamen wir an einer Fischerhütte vorbei, bei der wir dann Halt machten. Wir richteten uns ein Lager auf den Fischernetzen. So hatten wir nach langer Zeit wieder ein Dach über unseren Köpfen. Die Männer hielten abwechselnd Wache bei den Pferden, die sich an dem Dünenhafer ihre Nahrung suchten.

Am nächsten Morgen erreichten wir nach 2-stündiger Fahrt das erste in der Danziger Gegend gelegene Dorf. Hier konnten wir endlich wieder etwas Verpflegung kaufen und erhielten auch eine warme Suppe. Es war Sonntag der 11. Februar 1945. Hier wurden wir mit einer Fähre über die Weichsel übergesetzt. Die Fahrt ging dann zügig weiter bis wir die tote Weichsel erreichten. Hier gab es nur 1 Fähre und daher herrschte großer Andrang. Wir beschlossen, uns für die Nacht ein Quartier zu suchen. Nach zwei sehr unfreundlichen Absagen fanden wir dann Unterkunft bei einem Bauern Bartz. Er und seine Frau nahmen uns sehr herzlich auf und verpflegten uns auf das Beste. Wir blieben 2 Nächte, da unsere Gastgeber meinten, daß wir uns und unseren Pferden nach all den Strapazen noch etwas Ruhe gönnen sollten.

Am Dienstagmorgen verließen wir den gastlichen Hof, beschenkt mit Butter und Brot und mit Futter für die Tiere, Auf der Hauptstraße kamen wir mit ein bisschen Glück sehr bald in die Treckreihe und konnten auch bald übergesetzt werden.

Es war der 15. Februar 1945, als wir durch Danzig und die Vorstädte Langfuhr und Oliva fuhren. Nach einer Übernachtung in der Stadt setzten wir unseren Weg nach Gotenhafen fort. Bei schönem Wetter ging es ganz gut voran und als der Abend kam, konnten wir in einem Dorf bei den Kaschuben übernachten. Hier wurden wir sehr freundlich aufgenommen.

Der nächste Tag brachte uns in den Kreis Neustadt in Westpreußen. An diesem Tag sah man viele verendete Pferde an den Fahrstraßen liegen. In dem Dorf Kleinboschpohl mussten wir infolge einbrechender Dunkelheit übernachten. Hier hatten wir ein seltenes Glück. Eine vornehme Dame stand am Gartenzaun eines Hauses und fragte uns, ob wir schon wüssten, wo wir zur Nacht bleiben können. 4 Menschen könne sie noch aufnehmen. Sie war eine Beamtenwitwe mit Namen Richtertz. Nachdem wir nach einigen Schwierigkeiten die Pferde untergebracht hatten, folgten wir ihrer freundlichen Einladung. Sie stellte uns ihr Schlafzimmer zur Verfügung. So schliefen wir endlich wieder einmal in schönen Betten. An diesem Ort wurden wir auch verpflegt, aber auch Frau Richtertz verwöhnte uns. Am nächsten Morgen beim Anfahren trafen wir einen Bekannten aus

dem Kreis Lötzen, der bisher das Glück hatte, seinen Treck zu behalten. Die Fahrt ging nun sehr gut organisiert weiter. Die Polizei zählte die Wagen zu etwa 30 ab, bestimmte einen Treckführer und händigte diesem einen Zettel mit dem an diesem Tage zu erreichendem Ziel und Quartiersort aus. Am heutigen Tag war Vater dazu ausersehen. Das Dorf Neuendorf im Kreis Lauenburg in Pommern war unser Ziel. Auf einem Gehöft übernachteten wir mit den gefundenen Bekannten. Da diese noch ausreichende Vorräte besaßen, gaben sie uns einige Fleischbüchsen ab. Am Sonntag früh ging es weiter und am Abend wurden wir in einem Siedlerdorf familienweise untergebracht.

Am nächsten Morgen stellten sich bei Vater starke Magenschmerzen und ein altes Kriegsleiden ein, verursacht durch die Strapazen und das unregelmäßige Essen. Es mußte aber trotzdem weitergehen.

Am Nachmittag dieses Tages war das Fahrziel erreicht und wir bekamen Quartier in einer N.S.V.-Unterkunft. Hier bemühten sich die Frauen der N.S.V. besonders um die Kranken und kochten ihnen eine Schonkost. Am nächsten Morgen waren Vaters Schmerzen wieder behoben und so ging es ins Pommernland hinein. Am Abend machten wir in Rettfang, Krs. Stolp Rast. Als wir am nächsten Morgen zur Weiterfahrt rüsten mussten, meldete der Vater der Familie, die mit unseren jungen Pferden fuhren, daß eins davon krank wäre. Da Vater vermutete, dass es Nierenverschlag hätte und kein Tierarzt erreichbar war, holte er auf Anraten unseres Quartierwirts den Melkermeister des nächsten Gutes, der sehr viel von Pferdekrankheiten verstehen sollte. Er bestätigte die Vermutung meines Vaters, zapfte dem Tier 6 Liter Blut ab und verordnete 1 Tag Ruhe für das Tier. So mußten wir noch einen Tag länger bleiben, während unsere Bekannten, die Familie Jendreiko, weiterfahren muhen. Es gab den Befehl, dass niemand ohne stichhaltigen Grund sich länger als eine Nacht in demselben Quartier aufhalten durfte, weil dieses für die folgenden Flüchtlinge frei sein musste.

Am folgenden Tag ging es dem Tier besser und so setzten wir unsere Fahrt fort. Wir erreichten Stolpmünde. Hier mussten wir feststellen, dass unser durch den hohen Blutverlust geschwächtes Tier nicht weiteren Strapazen ausgesetzt werden konnte. So wandten wir uns an den Ortsgruppenleiter in dem Dorf Dünow und baten ihn, uns ein Quartier anzuweisen. Er schickte uns in den Ort Muddel zu einer Familie Scheil und erlaubte uns, dort zur Genesung des Tieres einige Tage zu bleiben. Unser Aufenthalt dauerte 8 Tage, denn Vater wurde erneut krank, eine Magen- und Darmerkrankung. Ich ging nach Stolpmünde in die Apotheke und erhielt dort Pillen, die ihm tatsächlich sehr gut halfen. Die Familie Scheil hatte uns in diesen Tagen selbstlos und sehr hilfreich zur Seite gestanden und wir schlossen Freundschaft.

Inzwischen lauteten die Frontnachrichten immer bedrohlicher, der Feind näherte sich auch diesem Landstrich. Und so brachen wir wieder auf, um bei Stettin noch über die Fähre zu kommen. Die Familie Scheil wollte uns gar nicht weglassen und bot uns an wiederzukommen, wenn wir nicht weiter kommen sollten.

Nachdem wir etwa 2 km von Muddel entfernt waren, fing unsere Stute plötzlich an zu lahmen. Auch bei diesem Pferd stellte sich Nierenverschlag heraus. Wir steuerten ein 200 m entferntes Gut an. Ich versuchte gleich den Dorfschmied aus dem 2km entfernten Dorf zu holen, der sich damit auskennen sollte, Dieser konnte aber erst am Abend kommen, da er noch 20 Flüchtlingspferde zu beschlagen hatte. Die dazugehörenden Wagen mussten noch die vorgeschriebene Tagestour fahren. Der Schmied machte dann aber seine Sache sehr gut und man konnte auch bald eine Linderung der Schmerzen bei dem Pferd beobachten.

Am nächsten Morgen kam der Befehl, alle Trecks sollten bis zur nächsten Bekanntmachung in den Quartieren bleiben. Mein Bruder Rudolf ging gleich nach dem etwa 5 km entfernten Muddel und erzählte der Familie Schieil von unserem Mißgeschick. Mit Einverständnis des Ortsbauernführers sollten wir sofort zurückkommen. So spannte Vater das gesunde Pferd vor den Wagen, den ich kutschierte, während er das kranke Pferd, mit einer Decke eingedeckt, zu Fuß führte. So zogen wir am Freitag, den 2. März 1945, in Muddel ein.

Am Montagmorgen erfuhren wir, dass die Trecks sofort den Rückmarsch nach Gotenhafen anzutreten haben. Daraufhin gingen Vater und ich nach Stolpmünde, um uns über einen Abtransport mit dem Schiff zu erkundigen. Wir fürchteten nämlich, dass unsere Pferde nicht mehr lange durchhalten würden. Bei der Ortsgruppe in Stolpmünde erfuhren wir, dass wir auf eine Beförderung mit dem Schiff wenig Aussicht hätten. In erster Linie würden Frauen mit kleinen Kindern und die mit der Bahn hierher beförderten Flüchtlinge verladen. So kamen wir am Abend müde wieder nach Muddel zurück und beschlossen, den folgenden Tag noch als Ruhetag zu nutzen und dann den Weg zurück mit den Pferden zu versuchen. Am folgenden Tag wurde auch für die Bewohner von Muddel der Räumungsbefehl erteilt. Nun gab es kein Zögern mehr, denn auch unsere lieben Gastgeber mussten ihre Heimat verlassen. Am Mittwoch, den 7. März, verließen wir in aller Frühe und schweren Herzens die Familie Scheil, die versuchen wollte mit dem Schiff wegzukommen.

Es war wieder Frost eingetreten und die Straßen waren sehr glatt. Die Fahrt ging langsam voran, denn nun kamen ja auch noch die pommerschen Trecks dazu. Wir hatten dann auch noch das große Pech, dass Vater sich den Arm ausgekugelt hat. Er war vom Wagen gestiegen, um sich warm zu laufen, und fiel bei der Glätte hin. Im nächsten Ort gab es 'Gott sei Dank einen Knochenarzt, der ihm den Arm wieder einrenkte. Er verordnete ihm Ruhe und Wärme. So musste ich das Kutschieren übernehmen. Viel Rast konnten wir uns nicht gönnen, denn der Russe war uns auf den Fersen, wie die Soldaten berichteten. Hier muss ich ein Lob allen Soldaten aussprechen, die wir getroffen haben. Sie waren uns immer wieder Retter und Helfer. Wenn es dunkel war, so dass wir nicht mehr wussten, wo wir uns befanden, führten sie die Pferde am Zügel.

Als wir am 12. März 1945 die gerade Straße nach Gotenhafen erreicht hatten, fing der Morgen an zu grauen. Das Artilleriefeuer kam immer näher und plötzlich wurde unsere Fahrstraße beschossen. Die Wagen fuhren in wilder Flucht querfeldein auf gefrorenem Sturzacker, einen Berg hinunter und dem nahen Wald zu. Bei dieser rasenden Fahrt hakte ein Kolonnenwagen unseren leichten Wagen an und kippte uns um. Das Obergestell löste sich vom Untergestell und mit diesem rasten die Pferde weiter. Wir haben sie nicht wieder gesehen.

Mutter, Rudolf und mir war zum Glück nichts weiter passiert, nur Vater war sehr zerschlagen, hatte sich aber nichts gebrochen. Während die Kugeln und Granaten um uns herum einschlugen und auch andere verunglückte Menschen stöhnten, suchten wir aus den Trümmern unseres Wagens unsere Habseligkeiten zusammen, soviel wir tragen konnten, und setzten unsere Flucht zu Fuß weiter fort.

Der Weg war von toten Menschen und toten Pferden grauenhaft gezeichnet. Als wir einige Kilometer zurückgelegt hatten, konnte Mutter nicht mehr weiter. Jetzt kamen einige versprengte Militärkolonnenwagen an uns vorüber gefahren. An einem Wagen war der Kutscher bemüht, ein Pferd einzufangen. Inzwischen gingen aber die Pferde mit dem Wagen weiter. Ich lief hinzu und hielt sie am Zügel fest. Den hinzukommenden Kutscher, es war ein Pole in deutschen Diensten, fragte ich, ob er uns mitnehmen könnte. Er sagte zu, wenn ich kutschieren würde. So nahm ich die Zügel in die Hand. Der Pole mit dem eingefangenen Pferd setzt sich hinten auf den Wagen und führte das Pferd.

Da wir mit der Kolonne Vorfahrtsrecht hatten, ging es ganz gut voran. Es war inzwischen Mittag geworden und wir hatten Hunger. Der Pole hatte aus seiner Küche, die er vorher gefahren hatte, die aber zerstört worden war, einen Eimer mit gekochtem Rindfleisch gerettet. Er bot uns davon an.

Bei dieser Kolonne waren auch H.J.-Jungen beschäftigt. Einer davon hatte die Aufgabe, die übrig gebliebenen Wagen zu suchen und zu einer Kolonne zu ordnen. So kam er auch an unseren Wagen und stellte fest, dass dieser zu der Kolonne gehörte. Der Junge war ein Landsmann von uns. Da er an diesem Tag noch nichts gegessen hatte, nahm er ein Stück Fleisch dankend an. Er berichtete, dass die Kolonne am nächsten Tag aufs Schiff verladen werden sollte. Er meinte, sein Hauptmann wäre sehr in Ordnung und wenn Vater ihn bitten würde, könnte er es vielleicht möglich machen, dass wir auch mit der Kolonne verladen würden.

Rings um Gotenhafen standen unsere schweren Batterien und feuerten, dass die Erde zitterte. In der Stadt empfing der Hauptmann die Kolonne und Vater sprach dann auch mit ihm. Er zeigte sich nicht abgeneigt, wir sollten am nächsten Tag zum Hafen kommen, da wollte er weitersehen. Die Soldaten gaben uns noch Brot und Käse mit, so konnten wir uns wenigstens satt essen. Quartier fanden wir in einem Haus, in dem wir uns von unseren Mänteln auf der Erde ein Lager machten. Wir waren so erschöpft, dass uns auch der immer stärker werdende Kanonendonner nicht mehr störte.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum Hafen. Unterwegs mussten wir noch in einen Keller, denn es gab Fliegeralarm. Nach dem Alarm gingen wir weiter zum Hafen 5. Man hatte uns gesagt, daß dort die Militärtransporte verladen werden. Wir fanden dann auch gleich "unsere Kolonne". Da kein Zivilist mit dem Militärtransport mitfahren durfte, schrieb uns der Hauptmann als zur Kolonne gehörendes Personal in die Schiffspapiere ein. Er gab die beiden Männer als Krad-Kolonnenfahrer an und Mutter und mich als Köchinnen. Unser Schiff war ein 8.000t-Transporter, auf dem Unmengen von Lastwagen, Kolonnenwagen, Pferde und Soldaten verladen wurden. Als es anfing dunkel zu werden, konnten wir das Schiff betreten. Am Kai standen tausende von Flüchtlingen und warteten darauf, mit einem Schiff fort zu kommen. Als dann das Schiff fertig beladen war, hieß es, dass noch 840 Zivilisten am Oberdeck mitfahren könnten. Sie wurden ohne Schiffspapiere mitgenommen, und wer dem Schiff am nächsten war, hatte das Glück mitzukommen.

Am Oberdeck standen die Feldküchen von sämtlichen Kolonnen. Ich musste dann auch gleich eine Fleischsuppe für unsere über 40 Personen zählende Kolonne kochen. Doch bald kam der Befehl, das Feuer in den Küchen wegen Feindsicht auszulöschen. So konnte ich mich zur Ruhe begeben.

Am nächsten Morgen, es war der 13. März 1945, stand unser Schiff außer Landsicht auf dem Meer. Es musste auf weitere Schiffe warten. Gegen Abend war es dann so weit, dass sich das Geleit in Bewegung setzte. Am späten Abend schaute ich noch ein wenig über das Wasser und die so ruhig dahingleitenden Schiffe. Ich stellte mir vor, wie schön doch in Friedenszeiten so eine Seereise sein müsste. Da gab es plötzlich einen Knall. Ich sah eine Stichflamme und gleich darauf eine schwarze Rauchwolke und dann schloss sich das Wasser. Ein etwa 200m seitlich von uns fahrender Bewacher war auf eine Mine gelaufen und mit seiner Besatzung in Sekundenschnelle untergegangen. Gleich darauf mussten wir alle Schwimmwesten anlegen. Dieses schreckliche Ereignis spielte sich in der Höhe der Halbinsel Hela ab. An diesem Abend gingen wir mit dem Gedanken zur Ruhe, vielleicht morgen auf dem Meeresgrund zu liegen.

Wir blieben 5 Tage auf dem Wasser,. doch den größten Teil verbrachten wir ohne Fahrt. Einmal war es eine dichte Nebelwand, die eine Weiterfahrt verhinderte, ein anderes mal mussten die aus der Luft gelegten Minen geräumt werden.

Am Sonnabend‚ dem 17. März 1945, erreichten wir in den Abendstunden

den Hafen von Swinemünde. Dort hieß es, alle Zivilpersonen hätten sich auf einen kleinen Dampfer, der neben dem großen Schiff angelegt hatte, zu begeben. Wir suchten unsere Habseligkeiten zusammen, bedankten uns bei dem Hauptmann und verabschiedeten uns von den Soldaten unserer Kolonne.

Auf dem kleinen Luxusschiff wurden wir von den Matrosen sehr freundlich in Empfang genommen und gut bewirtet. Am nächsten Morgen brachte uns das Schiff nach etwa 1-stündiger Fahrt an eine Bahnstation, die Saßnitz hieß. Dort wartete schon ein Transportzug, der uns in 3-tägiger Fahrt über die Insel Rügen, Mecklenburg, Lübeck, die Lüneburger Heide und Bremen nach Ocholt in Oldenburg brachte. Auch auf dieser Fahrt waren die Tiefflieger unsere Begleiter, so dass der Zug oft stehen blieb und wir aussteigen mussten, um in Deckung zu gehen. Doch Bomben wurden keine geworfen.

Als wir in Ocholt ankamen, mussten die Flüchtlinge aus mehreren Wagen aussteigen. Wir gehörten auch dazu. Von hier wurden wir mit Bauernwagen in die einzelnen Dörfer gefahren. Air kamen in das Dorf Westerloy bei Westerstede. Dort wurden wir in einer Schule erst von einem Luftwaffenarzt auf unseren Gesundheitszustand untersucht. Einige waren verlaust. Sie wurden sofort ins Krankenhaus zur Entlausung gebracht.

Allen übrigen wurden die Quartiere zugewiesen. Unserem Wunsch, uns ein Zimmer anzuweisen, wo wir uns selbst beköstigen konnten, entsprach man nicht. Wir wurden einzeln bei verschiedenen Familien untergebracht.

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Hier enden die Aufzeichnungen, die Frau Martha Hess, geb. Kolossa, gemeinsam mit ihrem Vater ausgearbeitet hat, nachdem sie sich von den Strapazen ein wenig erholt hatten. Sie hatte sich während der Flucht stichwortartige Notizen in Stenografie gemacht. Frau Hess ist leider 1995 verstorben.

Ihre Unterlagen wurden uns von Frau Erika Friederitz, geb, Kuhnke - in Talau, überlassen.
 

Quelle:
Johannisburger Heimatbrief 2005

 
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